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Bioregion-Kartierung — Praxisleitfäden für lebendige Erfahrung

Fünf zielgruppenspezifische Workshop-Leitfäden auf Grundlage von Anhang C

Erdpuls Müllrose — Living Laboratory & Makerspace Garden

Version: 1.2
Datum: Februar 2026


Änderungsprotokoll

Version Datum Änderungen
1.2 Februar 2026 BNE-Compliance-Update: Abschnitt „Pädagogischer Rahmen und BNE-Orientierung” hinzugefügt (4A-Lernpfad, Drei-Strom-Pädagogik, vier Nachhaltigkeitsdimensionen, SDGs, Gestaltungskompetenzen); Übersichtstabellen um Nachhaltigkeitsdimensionen, Gestaltungskompetenzen, SDG-Bezüge und Drei-Strom-Balance erweitert; BNE-Hinweisboxen in alle fünf Leitfäden integriert; Abschnitt „Ausrichtung am BNE-Qualitätsrahmen” am Dokumentende hinzugefügt.
1.1 Februar 2026 Institutionsname aktualisiert; Lizenzfußzeile ergänzt; Version für OER-Veröffentlichung aktualisiert
1.0 Oktober 2025 Erstveröffentlichung

Zur Nutzung dieser Leitfäden

Diese fünf Leitfäden adaptieren das Strukturierte Bioregion-Kartierungsprotokoll (Anhang C des Musterentdeckungs-Toolkits) jeweils als lebendige Erfahrung für eine bestimmte Zielgruppe. Die Bioregion-Kartierung ist die weiträumigste Aktivität im Toolkit — sie lädt Teilnehmende dazu ein, die ökologische, hydrologische, geologische und kulturelle Einheit zu entdecken und zu definieren, in der ihr Standort liegt. Ring-4-Arbeit.

Dieser Maßstab stellt eine besondere pädagogische Herausforderung dar: Anders als bei der Bodenbeobachtung (wo man kniet) oder der Token-Ökonomie (wo man tauscht), erfordert bioregionale Entdeckung Bewegung durch die Landschaft. Es braucht Gehen, Blicke in die Weite, Ablesen von Wasserlauf und Geländeübergängen. Es fordert von den Teilnehmenden, ihre Aufmerksamkeit von einem Bodenfleck auf ein ganzes Territorium auszuweiten — und dann gemeinsam auszuhandeln, wo dieses Territorium beginnt und endet.

Jeder Leitfaden balanciert daher drei Modi: Füße (Transekte gehen, körperliche Landschaftsbegegnung), Hände (analoge Kartierung mit Papier, Markern, Faden) und Bildschirm (GIS-Erkundung mit digitalen Datenschichten). Das Gleichgewicht verschiebt sich deutlich zwischen Zielgruppen — Kinder gehen mehr und kartieren weniger; Forschende kartieren mehr und gehen anders; Ältere gehen mehr durch die Erinnerung als durch den Raum.

Die proxemische Ebene: Jeder Leitfaden enthält proxemische Gestaltungshinweise — räumliche Designempfehlungen, die auf Edward T. Halls Proxemik-Theorie (The Hidden Dimension, 1966) aufbauen. Die Bioregion-Kartierung stellt die größte proxemische Herausforderung im Toolkit dar: Die Bioregion existiert auf öffentlicher Distanz — sie ist von einem Hügel aus sichtbar, aber als Ganzes nicht berührbar, riechbar oder hörbar. Das Transekt-Gehen ist die proxemische Lösung. Es trägt den Körper auf intimer und persönlicher Distanz durch das Territorium und akkumuliert eine Kette von Nahbereichs-Sinnesbegegnungen (Boden unter den Füßen, Waldduft, Bachgeräusch, Temperaturwechsel), die zusammen ein körperliches Raumgefühl erzeugen, das keine von öffentlicher Distanz betrachtete Karte liefern kann. Die proxemischen Hinweise helfen Anleitenden, das Sensorische-Abschluss-Muster zu verstehen (Sinneskanäle schließen sich mit zunehmender Distanz zum Campus), den kritischen Übergang von der analogen Kartierung (persönliche/intime Distanz, multisensorisch) zur GIS-Erkundung (soziale/öffentliche Distanz, nur visuell) zu gestalten und die Grenzdiskussion als soziopetale kollektive Aushandlung anzulegen. Für den vollständigen proxemischen Rahmen siehe das Begleitdokument Proxemische Integration.

Leitfaden 1: Kinder und Jugendliche — „Wo hört unser Ort auf?” Leitfaden 2: Erwachsene und Familien — „Die Karte unter der Karte” Leitfaden 3: Ältere und generationenübergreifende Gruppen — „Die Landschaft erinnert sich” Leitfaden 4: Künstler·innen und Forschende — „Kartografien der Zugehörigkeit” Leitfaden 5: Grenzüberschreitende Gruppen — „Eine Landschaft, Zwei Länder”


Pädagogischer Rahmen und BNE-Orientierung

Diese Leitfäden sind Teil der Erdpuls OER-Sammlung und auf vollständige Konformität mit dem Qualitätskatalog für außerschulische Anbieterinnen und Anbieter von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Land Brandenburg (MLUK Brandenburg, April 2023) ausgerichtet. Alle fünf Leitfäden bilden zusammen einen einzigen pädagogischen Programmstrang (Anhang C des Musterentdeckungs-Toolkits), der von den folgenden gemeinsamen Grundsätzen geleitet wird.

Abgedeckte BNE-Qualitätsbereiche

Bereich Titel Status
1 Ziele und Zielgruppen ✅ Alle Kriterien erfüllt — fünf explizit differenzierte Zielgruppen, progressive Jahresziele
2 Inhalte und Ansatz ✅ Alle Kriterien erfüllt — vier Nachhaltigkeitsdimensionen, fünf SDGs, kontroverse Grenzdiskussion
3 Methoden ✅ Mindestanforderungen erfüllt; 7/8 Teilkriterien (3.1) vollständig erfüllt
4 Gestaltungskompetenz ✅ Alle 12 Teilkompetenzen in den fünf Leitfäden abgedeckt
5 Qualitätsentwicklung ✅ Mindestanforderungen erfüllt; Längsdatensatz ist der Evaluationsmechanismus
6 Qualifikation der Anleitenden ✅ Mindestanforderungen erfüllt
7 Organisatorische Rahmenbedingungen ✅ Mindestanforderungen erfüllt

Die vollständige kriterienweise Zuordnung befindet sich im Abschnitt Ausrichtung am BNE-Qualitätsrahmen am Ende dieses Dokuments.

Der 4A-Lernpfad in allen fünf Leitfäden

Jede Bildungssequenz bei Erdpuls folgt dem 4A-Lernpfad. In der Bioregion-Kartierung bildet der Pfad den gemeinsamen Aktivitätsbogen über alle Leitfäden ab:

Stufe Aktivität in der Bioregion-Kartierung
Awareness (Wahrnehmung) Das Transekt: Der Körper bewegt sich durch die Landschaft auf intimer und persönlicher proxemischer Distanz und akkumuliert sensorische Übergangsnachweise. Bodengefühl unter den Füßen, Temperaturwechsel am Waldrand, Bachgeräusch. „Was ist hier?”
Acknowledgment (Anerkennung) Kartensynthese: Erkennen, dass das auf dem Transekt getrennt Erfahrene eine strukturierte Landschaft bildet — ein Einzugsgebiet, eine geologische Einheit, eine Vegetationsgemeinschaft. „Dieser Ort gehört zu etwas Größerem — und ich gehöre dazu.”
Attitude (Haltung) Grenzdiskussion: Fragen, wer für ein Territorium verantwortlich ist, das politische Karten nicht zeigen. Der Landschaftsbrief. Die Anerkennung des Landschaftsverlustes durch Ältere. Der grenzüberschreitende Bodenvergleich. „Was bedeutet das für mein Inhabit dieses Ortes?”
Action (Handeln) Citizen-Science-Ergebnis: GPS-Spuren, Übergangsdaten, Grenzvorschläge, Erinnerungskarten, originale Kartografien — beigetragen zum Längsdatensatz der Bioregionsdefinition. „Was werde ich tun, und was werde ich beitragen?”

Der Pfad ist rekursiv über Jahreszeiten und Jahre hinweg. Ein Kind, das im Frühling Awareness erreicht, kehrt im Herbst auf der Stufe Acknowledgment zurück. Eine ältere Person, die Landschaftsverlust auf der Stufe Acknowledgment dokumentiert, wird durch den Archivierungsprozess der Erinnerungskarte zur Action-Stufe begleitet.

Drei-Strom-Pädagogik (Kopf / Hände / Herz) in allen fünf Leitfäden

Strom In der Bioregion-Kartierung
Kopf GIS-Erkundung; Einzugsgebiet aus Höhenlinien ablesen; Vergleich institutioneller und ökologischer Grenzen; Formulierung der Kartografischen Frage (Leitfaden 4)
Hände Transekte gehen; Expeditionsprotokolle zeichnen; Fadenvorschläge auf Karten legen; GPS-Aufzeichnung; Bodenprobennahme; Tonaufnahme
Herz Der Wendepunkt-Moment proxemisches Inventar; der Landschaftsbrief; das Ältere-Erzählcafé und die Erinnerungskarte; der Grenzmoment Bodenvergleich (Leitfaden 5); das gemeinsame Mahl als bioregionale Begegnung

Das Prinzip erst der Körper, dann das Instrument bestimmt die Reihenfolge in jedem Leitfaden: Alle fünf beginnen mit Bewegung oder körperlicher Begegnung, bevor GIS oder Analysewerkzeuge eingeführt werden.

Vier Nachhaltigkeitsdimensionen

Die Bioregion-Kartierung integriert alle vier von BNE-Bereich 2.1.1 geforderten Nachhaltigkeitsdimensionen:

Dimension Wie die Bioregion-Kartierung sie adressiert
Ökologisch Einzugsgebietsdefinition, geologische Substratanalyse, Vegetationsübergangsdokumentation, Bodentypenbestimmung, Biodiversitätsbeobachtung, Naturpark-Grenzen, Artverbreitungsdaten
Ökonomisch Landnutzungsmuster der Vergangenheit; DDR-Kollektivierungsgeschichte und nachwendezeitliche Aufforstung im Landschaftsbild; grenzüberschreitende Wirtschaftsasymmetrien (Leitfaden 5); Token-Ökonomie als Rahmung bioregionaler Stewardship
Sozial Generationenübergreifende Wissenstransfer (Erinnerungskarte älterer Menschen als Daten); Kulturbegegnung (Leitfaden 5); kollektive Grenzfindung als Gemeinschaftsentscheidung; gemeinsames Mahl als soziales bioregionales Ritual
Kulturell Toponymie und Siedlungsgeschichte (Glazialer Rahmen in Leitfaden 2); Erinnerungen älterer Menschen an Landschaftsklang und -geruch als Kulturerbe (Leitfaden 3); mehrsprachige Musterbezeichnung; das historische Gewicht der Grenze (Leitfaden 5); künstlerisch-residenzielle Kartografietradition (Leitfaden 4)

Abgedeckte SDGs

SDG Bezug
SDG 4 (Hochwertige Bildung) Situiertes, erfahrungsbasiertes Lernen; OER-Veröffentlichung aller Ergebnisse; Citizen Science als evidenzbasierte Untersuchung
SDG 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) Gemeinschaftlich verfasste bioregionale Grenzvorschläge fließen in die Regionalplanung ein; Einzugsgebietsbewusstsein als Planungsinstrument
SDG 13 (Klimaschutz) Phänologische und mikroklimatische Daten für Langzeitmonitoring; Landschaftserinnerung als Klimaproxy-Datensatz
SDG 15 (Leben an Land) Biodiversitätsdokumentation, Naturpark Schlaubetal, Einzugsgebietsbewusstsein, iNaturalist-Beiträge
SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele) Deutsch-polnische Kooperation (Leitfaden 5); offene Datenveröffentlichung; OER-Methodentransfer

Abgedeckte Gestaltungskompetenzen (Transfer 21)

Alle 12 Teilkompetenzen werden in den fünf Leitfäden entwickelt. Die folgende Tabelle zeigt den primären Entwicklungsschwerpunkt:

Teilkompetenz Primärer Leitfaden
4.1.1 Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Leitfaden 3 (zeitliche Perspektive Älterer), Leitfaden 5 (kulturübergreifend, grenzüberschreitend)
4.1.2 Vorausschauend denken und handeln Leitfaden 2 (Einzugsgebiet und Planungsimplikationen), Leitfaden 5 (grenzüberschreitende Stewardship)
4.1.3 Interdisziplinär erkennen und handeln Alle Leitfäden — jedes Transekt verbindet gleichzeitig Geologie, Ökologie, Geschichte und Geografie
4.1.4 Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen Alle Leitfäden — strittige Grenzvorschläge; „die Bioregion ist eine Beziehung, kein Faktum”
4.2.1 Gemeinsam mit anderen planen und handeln Alle Leitfäden — die Grenzdiskussion ist kollektiv und körperlich-kooperativ
4.2.2 Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen Leitfaden 2 (Einzugsgebiet vs. Landkreis), Leitfaden 5 („gleiche Landschaft, andere Systeme”)
4.2.3 An kollektiven Entscheidungsprozessen partizipieren Alle Leitfäden — demokratische Grenzdiskussion; keine einzig richtige Antwort
4.2.4 Sich und andere motivieren Leitfaden 4 (Kartografische Frage als intrinsische Motivation), Leitfaden 5 (grenzüberschreitende Stewardship-Vision)
4.3.1 Die eigene Leitbildprägung und die anderer reflektieren Leitfaden 1 („Fühlt es sich noch an wie unser Ort?”), Leitfaden 2 (Landschaftsbrief)
4.3.2 Selbständig planen und handeln können Leitfaden 4 (selbstgesteuerte Kartierungspraxis der Residierenden über Wochen)
4.3.3 Empathie und Solidarität für Benachteiligte zeigen Leitfaden 3 (Landschaftsverlust Älterer), Leitfaden 5 (proxemischer Bruch an der Grenze und Erholung)
4.3.4 Sich motivieren können, aktiv zu werden Leitfaden 3 (Wissen Älterer als gleichwertiges Datum wie GPS), Leitfaden 5 (deutsch-polnische Asymmetrie benannt und entgegengewirkt)


Leitfaden 1: Wo hört unser Ort auf? — Where Does Our Place End?

Für Kinder und Jugendliche (Schulklassen, Jugendgruppen)


Übersicht

   
Titel Wo hört unser Ort auf? / Where Does Our Place End? / Gdzie kończy się nasze miejsce?
Zielgruppe Schulklassen, Jugendgruppen (8–18 Jahre, mit altersgestuften Varianten)
Gruppengröße 12–30, aufgeteilt in Expeditionsteams à 4–6
Dauer Ganztag (5–6 Stunden) für 13+; Halbtag (3–4 Stunden, nur Campusbetrieb) für 8–12 Jahre
Ort Erdpuls-Campus als Basis; Transekte in die Umgebung (1–3 km für Jüngere, 3–5 km für Ältere); Zone E für Kartierungssynthese
Jahreszeit Später Frühling bis früher Herbst (angenehme Gehbedingungen; maximale Landschaftslesbarkeit)
4A-Lernpfad-Schwerpunkt Awareness (Übergänge wahrnehmen) und Acknowledgment (den eigenen Ort als Teil eines größeren Systems erkennen)
Drei-Strom-Balance Hände-dominant (Gehen, Zeichnen, Fadenlegen) → Kopf (GIS, Musteranalyse) → Herz (Wendepunktfrage, Abschlussreflexion)
Nachhaltigkeitsdimensionen ☑ Ökologisch (Einzugsgebiet, Boden, Vegetation) · ☑ Sozial (kollektive Grenzaushandlung) · ☐ Ökonomisch · ☐ Kulturell — ökologisch und sozial primär
Primäre Gestaltungskompetenzen 4.1.3 (interdisziplinär — Geologie/Ökologie/Geschichte in einem Transekt) · 4.1.4 (Unsicherheit — strittige Grenzvorschläge) · 4.2.3 (Partizipation an kollektiven Entscheidungen) · 4.3.1 (Leitbildreflexion — „Fühle ich mich noch in meinem Ort?”)
SDG-Bezüge SDG 4 (situiertes Lernen) · SDG 15 (Biodiversitätsbeobachtung, Naturpark) · SDG 11 (Einzugsgebietsbewusstsein für Planung)
Curriculare Bezüge Geografie (Landschaft, Karten, Einzugsgebiete, Orientierung), Biologie (Habitattypen, Ökotone), Geschichte (Siedlung, Landnutzung), Kunst (Landschaftsbeobachtung, Kartenmachen), Mathematik (Maßstab, Entfernung, Koordinaten)
Voraussetzung Idealerweise nach einer „Fragen an den Boden”-Sitzung (Anhang A, Leitfaden 1) — Teilnehmende, die bereits Ring 2 untersucht haben, sind bereit, sich nach außen auszudehnen

Die pädagogische Herausforderung mit Kindern und Jugendlichen

Kinder kennen ihren Ort — aber sie kennen ihn meist durch Landmarken, nicht durch Ökologie. Das Rathaus, die Schule, der Freundespark, der Badestrand. Diese Landmarken definieren ein gesellschaftliches Territorium, aber keine ökologische Einheit. Die Frage „Wo hört unser Ort auf?” ist für die meisten Kinder eine neue Frage — sie haben nie in diesen Begriffen darüber nachgedacht.

Die Herausforderung besteht darin, von landmarkbasierter zu übergangsbasierter Raumwahrnehmung zu wechseln. Statt zu fragen „Wo ist die Grenze von Müllrose?” fragt das Transekt: „Wo ändert sich der Boden? Wo ändert sich die Vegetation? Wo hörst du das Wasser?” Diese Fragen sind beantwortbar durch direkte Beobachtung — sie demokratisieren das geografische Wissen und machen die Kinder zu Entdeckenden, nicht nur Lernenden.

Vorbereitung und Materialien

Für jedes Team:

Für die Gruppe:

Vorvorbereitung:

Das Expeditionsprotokoll

Gedruckt A4, eines pro Kind, für die Feldarbeit konzipiert.

Seite 1: MEINE EXPEDITION

Name: ___ Team: ___ Datum: ___ Routenrichtung: ___ Wetter: _____

ÜBERGANGSPROTOKOLL — Jedes Mal, wenn sich die Landschaft ändert, anhalten und festhalten:

Wo ich mich befinde (beschreiben oder zeichnen) Was hat sich verändert? (Boden, Pflanzen, Gebäude, Geräusche, Gefühl) Entfernung vom Campus (schätzen) Ich denke, das ist eine Grenze, weil:
       
       
       
       
       

SENSORISCHER-ABSCHLUSS-CHECK — An jeder Haltestation, welche Sinne sind noch aktiv:

Station # Berühren (Boden unter den Füßen?) Riechen (Irgendetwas?) Hören (Was?) Temperatur (Veränderung spürbar?) Sehen (Was ist voraus?)
1
2
3
4
5

Muster beachten: Welche Sinne hören auf zu funktionieren, je weiter du dich entfernst?

DER FERNSTE PUNKT — Am Ende der Route umschauen. „Fühle ich mich noch in ‚unserem Ort’?” Ja / Nein / Nicht sicher Was lässt es wie hier / nicht wie hier anfühlen? _____

Seite 2: MEINE KARTE

[Großes leeres Feld mit einem Punkt in der Mitte, beschriftet mit „ERDPULS”]

„Zeichne eine Karte deiner Expedition. Markiere: die Route, die du gegangen bist, jeden Übergangspunkt und wo du denkst, dass ‚unser Ort’ endet. Farbcode: Blau für Wasser, Grün für Pflanzen/Wald, Braun für Bodenveränderungen, Rot für Gebäude/Straßen, Gelb für besondere Stellen, Lila für Stellen, wo du die Landschaft als verändert gespürt hast.”

Willkommen und Einführung (15 Minuten)

Versammlung im Freien an der Campus-Grenze — dem Punkt, wo der Garten in die Umgebungslandschaft übergeht.

Für 8–12 Jahre: „Schaut da raus. Wie weit geht Müllrose? Ist es nur die Häuser? Gehört der Wald zu Müllrose? Was ist mit den Feldern? Was ist mit dem See? Was ist mit dem Ort, wo die Schlaube anfängt?

Heute geht ihr auf eine Expedition — nicht irgendwo weit weg, sondern zum Rand eures eigenen Ortes. Eure Aufgabe ist herauszufinden: Wo wird aus hier ein woanders? Nicht wo das Ortsschild steht — das ist einfach. Wo ändert sich die Landschaft selbst? Wo fängt der Wald an? Wo wechselt die Farbe des Bodens? Wo fließt das Wasser in eine andere Richtung? Das sind die echten Grenzen — und dafür hat niemand ein Schild aufgestellt.”

Für 13–18 Jahre: „Zoomt auf eurem Handy von Müllrose raus. Ihr seht eine Stadt in einem Landkreis in einem Bundesland in einem Land. Alle diese Grenzen sind politisch — Menschen haben sie auf Papier gezeichnet. Schaut jetzt auf das Satellitenbild. Wo sind die echten Grenzen — die, welche die Landschaft zeichnet? Der Waldrand, die Flusstäler, der Übergang von Sand zu Lehm, der Punkt, wo Flaches hügelig wird?

Das Konzept, das wir erkunden, nennt sich Bioregion — ein Territorium, das nicht durch Politik, sondern durch Ökologie definiert wird. Heute geht ihr von diesem Campus nach außen, nehmt jeden Übergang wahr und kommt zurück, um vorzuschlagen, wo die Müllroseaner Bioregion beginnt und endet. Das ist echte Geografie — nicht eine Karte lesen, sondern eine aus dem schaffen, was ihr beobachtet.”

BNE-Bereich 1 / 4A-Lernpfad (Awareness): Die Einführung ist der Einstieg in den 4A-Lernpfad. Die Unterscheidung zwischen politischer Grenze („wo das Ortsschild steht — das ist einfach”) und ökologischer Grenze („wo sich die Landschaft selbst ändert”) ist die Leitfrage. Sie wird bewusst offen gelassen — die Antwort soll durch Gehen entdeckt, nicht durch Unterricht vermittelt werden. Die Einführung erfüllt BNE 3.1.2 (situiert), indem sie mit diesem konkreten Ort, dieser konkreten Landschaft, dieser konkreten Frage über Müllrose beginnt — nicht mit „Bioregionen im Allgemeinen”.

Die Erfahrung: Phase 1 — Die Expedition (90–150 Minuten)

8–12 Jahre (90 min, Campus und unmittelbare Umgebung):

Teams gehen die vorekundete „Entdeckungsschleife” — einen Rundkurs von 1–2 km, der in der Nähe des Campus bleibt, aber mehrere Mikroübergänge kreuzt. Die Anleitenden begleiten und geben an jedem Übergang Impulse:

„Stop. Was hat sich gerade geändert? Wir waren im Garten — jetzt sind wir auf einem Weg. Der Boden ist anders. Die Pflanzen sind anders. Die Temperatur hat sich verändert. Kannst du es spüren? Schreib es auf.”

Typische Übergangspunkte im Müllroseaner Campusbereich:

An jedem Übergang füllen Teams eine Zeile im Übergangsprotokoll aus. Die Anleitenden ermutigen, alle Sinne zu nutzen: „Was riecht die Luft hier im Vergleich zu dort? Welche Geräusche haben aufgehört? Welche haben angefangen?”

BNE 3.1.1 (erlebnisorientiert) / Drei-Strom Hände + Herz: Die Gehphase ist der primäre Drei-Strom-Ort. Hände: Übergangsprotokoll an jeder Station ausfüllen, Karte markieren, Klemmbrett in der Hand halten. Herz: der Sensorische-Abschluss-Check — bemerken, welche Sinne das Kind noch mit dem Campus verbinden, und wann sie sich schließen. Kopf: die Spalte „Ich denke, das ist eine Grenze, weil”, die von Kindern fordert, ein Argument aus Belegen zu formulieren. Die Anleitenden sollen das Argument nicht liefern — Verwirrung und Debatte zwischen Teammitgliedern darüber, ob eine Grenze überschritten wurde, IST das Lernen. Siehe BNE 4.1.4 (Unsicherheitserkennung).

Proxemische Anmerkung — Sensorischer Abschluss:

Der Sensorische-Abschluss-Check operationalisiert eine einfache proxemische Beobachtung: Als Kinder den Campus verlassen und sich entfernen, schließen sich ihre Sinneskanäle nacheinander. Im Nahbereich des Campus (intime bis persönliche Distanz) arbeiten alle fünf Sinne: sie fühlen das vertraute Kopfsteinpflaster unter den Füßen, riechen den Gartenkompost, hören das Werkzeug im Makerspace, sehen die Bäume des Campus, spüren die Wärme eines Südwandgebäudes. Wenn sie 500 m in einen einförmigen Kiefernwald gehen, schließt sich Berühren (der Boden ist monoton), dann Riechen (der Wald riecht gleich wie der letzte), dann Hören (keine Hintergrundgeräusche des Campus mehr). Der Sehsinn bleibt der letzte aktive Kanal — am weitesten Punkt können Kinder die Landschaft sehen, aber nichts anderes mehr über sie spüren. Dieser Punkt ist eine proxemisch definierte Grenze des gefühlten Dazugehörens.

13–18 Jahre (2–2,5 Stunden, erweitertes Transekt):

Teams gehen je nach Alter und Fitness 3–5 km lange Transektstrecken. Die Anleitenden oder geschulte Erwachsenenbegleitpersonen führen die Teams und modellieren die Transektmethode.

An jedem bedeutsamen Übergang:

  1. Stop. Dokumentiere GPS-Punkt.
  2. Fülle eine Zeile im Übergangsprotokoll aus (vollständige Beschreibung aller Sinneskanäle).
  3. Mache Fotos: ein Panoramabild, ein Bodennahbild.
  4. Optional: kurze Bodenprobe nehmen (Textur, Farbe, Geruch notieren).
  5. Bewerte den Übergang: „Ist das eine kleine Änderung (Farbe des Grases) oder ein großer Übergang (Wald zu Feld)?”

Die Anleitenden modellieren das bioregionale Lesen:

Der Wendepunkt-Moment (10 Minuten an der entferntesten Stelle):

An der entferntesten Station jedes Transekts halten alle inne für das Sensorische-Abschluss-Inventar:

„Schaut euer Protokoll an. Wie viele Kästchen sind jetzt leer? Schließt die Augen. Könnt ihr immer noch irgendetwas wahrnehmen, das euch sagt, dass ihr von Müllrose aus seid? Den Klang einer Kirche? Den Geruch des Gartens? Die Wärme eines bestimmten Gebäudes? Oder seid ihr jetzt vollständig in einer anderen sensorischen Welt?”

Diese Frage — zusammen mit der Expeditionsprotokoll-Frage „Fühlt es sich noch an wie unser Ort?” — ist die Frage der Leitfrage, die durch den Körper beantwortet wird, nicht durch den Kopf.

Die Erfahrung: Phase 2 — Kartierungssynthese (60–90 Minuten)

Zurück auf dem Campus. Alle Teams kommen an Zone E zusammen, wo die großformatige Satellitenbildkarte ausgebreitet ist.

Übergangsdokumentation (20 min):

Jedes Team berichtet reihum: „Wir haben in ___ einen Übergang gefunden, in ___ Richtung, ___ vom Campus entfernt. Er zeigte einen Wechsel von ___ zu __. Wir dachten, es könnte eine Grenze sein, weil __.”

Eine Farbe Haftpunkte markiert kleine Übergänge; eine andere markiert bedeutsame Übergänge.

Individuelle Karten (15 min für 8–12 / 20 min für 13–18):

Jedes Kind zeichnet aus dem Gedächtnis eine persönliche Karte ihrer Expedition auf die Rückseite ihres Expeditionsprotokolls. Diese Karten müssen nicht präzise sein — sie sind phänomenologische Dokumente der Erfahrung, nicht vermessene Karten.

GIS-Erkundung (20 min, nur 13–18):

Die Anleitenden führen eine Projektion der QGIS-Datenschichten. Der Hydrologie-Layer wird zuerst gezeigt: „Das ist die Wasserstruktur — alle Bäche, alle Flüsse, alle Seen. Bemerkt die Entwässerungsrichtungen. Findet eure Übergangspunkte auf dieser Karte. Entsprechen sie hydrologi­schen Merkmalen?”

Schichten werden nacheinander eingeblendet: Geologie, Landbedeckung, Höhenprofil, Schutzgebiete, Verwaltungsgrenzen.

Grenzdiskussion (20–30 min):

8–12 Jahre: Mit Hilfe von Garn führen die Anleitenden die Kinder dazu, eine vorgeschlagene Grenze auf der Satellitenbildkarte zu legen, die die Übergangscluster verbindet. Dies ist eine kollektive, körperliche Aushandlung — Kinder streiten buchstäblich darüber, wo der Faden hingehören soll. „Nein, er sollte um den Wald gehen!” „Aber der See ist auf der anderen Seite!” „Der Bach fließt hier entlang!”

Es besteht keine Anforderung zur Einigkeit. Zwei oder drei vorgeschlagene Grenzen können auf der Karte koexistieren, jede in einer anderen Garnfarbe, jede eine andere Interpretation darstellend.

13–18 Jahre: Die Diskussion ist strukturierter und kontroverser. Die Anleitenden fragen:

„Ihr habt sechs Arten von Belegen: Wasser (Einzugsgebiet), Geologie (Bodentyp), Vegetation (Wald/Feld), Landnutzung (Landwirtschaft/Siedlung), kulturelle Merkmale (Kirchen, Märkte, Versammlungsorte) und eure gespürten Übergänge. Jedes weist auf eine leicht andere Grenze hin. Welchem folgt ihr?”

Teams vertreten verschiedene Kriterien. Das Einzugsgebiet-Team argumentiert, dass Wasser die Bioregion definiert („aller Regen, der innerhalb dieser Grenze fällt, fließt an denselben Ort”). Das Vegetations-Team argumentiert, dass der Wald sie definiert. Das Kultur-Team argumentiert, dass der Markteinzugsbereich sie definiert.

Die Anleitenden lösen dies nicht auf. Der Dissens IST das Lernen. „Eine Bioregion ist kein zu entdeckendes Faktum, sondern eine auszuhandelnde Beziehung. Ihr tut genau diese Aushandlung gerade.”

Mehrere Grenzvorschläge werden festgehalten — auf der Karte eingezeichnet, mit den verwendeten Kriterien beschriftet, dem Team zugeschrieben, das sie vorgeschlagen hat.

BNE 4.2.3 (Partizipation an kollektiven Entscheidungen) / 4.1.4 (Unsicherheit) / 2.2.1 (Kontroversität): Die Diskussion ist der primäre BNE-Kompetenzzeitpunkt des Workshops. Die explizite Formulierung der Anleitenden — „Der Dissens IST das Lernen” — operationalisiert BNE 2.2.1. Konkurrierende Grenzkriterien (Einzugsgebiet vs. Vegetation vs. kultureller Markteinzugsbereich) repräsentieren echte Wertkonflikte, keine zu korrigierenden Fehler. Die mehreren Grenzvorschläge auf der Karte zeigen: umstrittenes Wissen ist legitimes Wissen. Das ist BNE 4.1.4 (Umgang mit Unsicherheit), angewendet auf räumliche Erkenntnis.

Sensordialog (10 Minuten)

„Das Erdpuls-Sensornetzwerk überwacht einen bestimmten Bereich — den Campus. Aber das Wasser, das unseren Boden erreicht, kommt von weiter weg. Die Luft, die die Sensoren messen, weht von Westen. Die Temperatur, die wir aufzeichnen, wird durch die Waldbedeckung Kilometer entfernt beeinflusst. Das Sensornetzwerk misst einen Punkt, aber dieser Punkt existiert innerhalb einer Bioregion. Heute habt ihr begonnen, diese Bioregion zu definieren — und jetzt haben die Sensordaten einen Kontext, den sie vorher nicht hatten.”

Für ältere Schülerinnen und Schüler: „Wenn wir die gesamte Bioregion, die ihr vorgeschlagen habt, überwachen wollten, wo würden wir zusätzliche Sensoren platzieren? Was müssten sie messen?”

BNE 2.1.2 (interdisziplinär) / 4.1.3 (interdisziplinäres Denken): Der Sensordialog ist der Moment, der Ökologie (das Transekt) mit Technologie (das IoT-Netzwerk) mit Geografie (die Bioregion) verbindet. Er zeigt, dass Umweltdaten immer situiert sind — eine Messung ist bedeutungslos ohne den Kontext, aus dem sie stammt. Das ist zugleich eine wissenschaftsmethodische und eine Nachhaltigkeitsliteracy-Einsicht: Der Maßstab, auf dem man beobachtet, bestimmt, was man wissen kann.

Citizen-Science-Ergebnis

8–12 Jahre:

13–18 Jahre:

Jede nachfolgende Schulgruppe, die diese Übung wiederholt, fügt dem Datensatz hinzu. Über Monate und Jahre konvergieren die akkumulierten Übergangsbeobach­tungen und Grenzvorschläge auf eine gemeinschaftsdefinierte Bioregion hin — eine, die nicht von einem Geografen gezeichnet, sondern von Dutzenden junger Menschen entdeckt wurde, die von einem einzigen Garten aus nach außen gingen.

Abschluss und Reflexion (15 Minuten)

Kreis, im Freien wenn möglich.

8–12 Jahre: „Was war die überraschendste Grenze, die ihr heute entdeckt habt? Eine, die ihr ohne das Hinschauen nicht bemerkt hättet?”

13–18 Jahre: „Wenn die Müllrose-Bioregion die Grenze nach Polen überschreitet — und die Geologie sagt, dass sie das tut — was bedeutet das? Wer ist für eine Bioregion verantwortlich, die zwei Ländern gehört? Kümmert sich der Fluss darum, auf welcher Seite der Grenze er ist?”

Die Anleitenden stellen den Bezug zum breiteren Toolkit her: „Die Musterkarten, die ihr in früheren Workshops gemacht habt — über den Boden, die Gebäude, den Garten — haben jetzt eine Heimat. Sie gehören zu dieser Bioregion. Eurer Bioregion. Der, die ihr gerade entdeckt habt.”

Token-Ökonomie-Integration

Aktivität Token-Element
Ein vollständiges Transekt gehen und das Expeditionsprotokoll ausfüllen Kooperation
Übergangspunkte mit Beschreibungen und Fotos aufzeichnen Mutualismus (Daten fließen in die Commons)
GPS-Streckendaten zum QGIS-Projekt beitragen Mutualismus
An der Grenzdiskussion teilnehmen Kooperation
Eine Grenze auf Basis von Belegen vorschlagen und dafür argumentieren Reziprozität (Wissen fließt zwischen Teams)
Eine Expeditionskarte erstellen (individuelle Zeichnung) Mutualismus (wird Teil des Archivs)

Hinweise für Anleitende

Sicherheit auf Transekten: Die Gehphase führt Kinder vom Campus in echte Landschaft. Risikoabschätzung obligatorisch: Routen auf Straßenüberquerungen, Wassergefahren, unebenes Gelände, Weidetiere prüfen. Betreuungsschlüssel mindestens 1:6. Erste-Hilfe-Set, Notfallkontakte und ein Mobiltelefon pro Team mitführen. Begleitpersonen über den Bildungszweck informieren — sie sollen die Gruppe nicht an Übergangspunkten vorwärtsdrängen.

Die „langweilige” Mitte: Kinder finden oft den ersten und letzten Übergang aufregend, die Mitte eines Transekts aber eintönig. Diese Langeweile ist selbst ein Datum: „Was bedeutet es, dass sich diese Strecke über einen ganzen Kilometer gleich anfühlt? Das ist eine Landschaftseinheit — eine Zone der Gleichförmigkeit zwischen zwei Übergängen.”

Wetterabhängigkeit: Anders als das Boden-Protokoll ist das Transekt-Gehen wetterabhängig. Regen ist mit Ausrüstung machbar; extreme Hitze oder Gewitter erfordern Verschiebung. Backup-Plan für den Campus vorbereiten.

Jahreszeitliche Variationen

Jahreszeit Transektanpassung
Frühling Maximaler Kontrast: manche Bereiche grün und wachsend, andere noch ruhend. Der phänologische Gradient (was hat ausgetrieben, was nicht) ist selbst ein Übergangsindikator.
Sommer Maximale Vegetationsdichte — Übergänge können schwerer sichtbar sein. Ausgleich: Bodenfeuchtekontraste am stärksten, landwirtschaftliche Nutzung am sichtbarsten (Kulturen bestimmen Feldgrenzen).
Herbst Farbveränderungen zeigen Artzusammensetzung. Wald-/Feldränder dramatisiert durch Laubfall. Ernte macht Agrargrenzen sichtbar.
Winter Vegetation zurückgezogen: Landform und Geologie am sichtbarsten. Wasserelemente (gefroren/aufgetaut) am dramatischsten. Siedlungs-/Landschaftskontrast am schärfsten. Bestens für Geländeanalyse, erfordert aber Kälteschutzausrüstung.

Proxemische Gestaltungshinweise

Das Transekt als proxemische Kette. Das Transekt-Gehen ist die proxemische Lösung für die grundlegende Herausforderung der Bioregion: Das Territorium existiert auf öffentlicher Distanz — von einem Hügel sichtbar, aber als Ganzes nicht berührbar. Gehen trägt den Körper durch das Territorium auf intimer und persönlicher Distanz — jeder Schritt erzeugt Sinneskontakt.

Das Sensorische-Abschluss-Muster als proxemisches Grenzwerkzeug. Der Check auf dem Expeditionsprotokoll erzeugt einen konkreten Datensatz: bei welcher Station schloss sich jeder Sinneskanal? Der Punkt, an dem der letzte nicht-visuelle Kanal schließt, ist nicht die Bioregionsgrenze, aber eine Grenze des gefühlten Dazugehörens.

Der Analog-zu-GIS-Übergang als proxemischer Wechsel. Der Übergang vom Transekt (intime/persönliche Distanz, alle Kanäle) zur GIS-Erkundung (soziale/öffentliche Distanz, nur visuell) ist der proxemisch schärfste Übergang in den Bioregionsleitfäden. Übergangsobjekte auf dem Tisch neben dem Laptop aufbewahren: „Wechsle den Geologie-Layer — und spüre jetzt diese Probe von Station 3.”

Die „langweilige” Mitte als proxemische Information. Wenn Kinder Langeweile bei einer gleichförmigen Transektstrecke melden, gibt der Check Sprache: „Ihr seid in einem proxemischen Plateau.”



Leitfaden 2: Die Karte unter der Karte — The Map Beneath the Map

Für Erwachsene und Familien (offenes Gemeinschaftsformat)


Übersicht

   
Titel Die Karte unter der Karte / The Map Beneath the Map / Mapa pod mapą
Zielgruppe Erwachsene, Familien, Gemeindemitglieder, Garten- und Naturliebhaberinnen und -liebhaber
Gruppengröße 8–20
Dauer Ganztag (6–7 Stunden mit Mahlzeit) oder zwei Halbtage (Tag 1: Gehen; Tag 2: Kartierung)
Ort Transekte vom Erdpuls-Campus aus (5–8 km); Zone E für Kartierungssynthese
Jahreszeit Alle Jahreszeiten; Herbst und später Winter bieten maximale Landschaftslesbarkeit
4A-Lernpfad-Schwerpunkt Vollständiger Pfad, Schwerpunkt auf Attitude (wie Landschaftsverständnis Verhalten verändert) und Action (Beteiligung an bioregionaler Stewardship)
Drei-Strom-Balance Kopf-Hände gleichwertig (rigorose GIS-Synthese und Grenzlogik gleichwertig mit dem Gehen) → Herz (Landschaftsbrief, gemeinsames Mahl, „du isst deine Bioregion”)
Nachhaltigkeitsdimensionen ☑ Ökologisch (Einzugsgebiet, Geologie, Landbedeckung) · ☑ Ökonomisch (Landnutzungsgeschichte, Agrarsysteme, DDR-Kollektivierungserbe) · ☑ Sozial (Gemeinschaftsplanung, kollektive Grenzaushandlung) · ☑ Kulturell (glazialer Herkunftsrahmen, Siedlungsgeschichte, preußische Landschaftskontinuität) — alle vier Dimensionen
Primäre Gestaltungskompetenzen 4.1.2 (vorausschauend — Einzugsgebiet impliziert zukünftige Governance-Verantwortung) · 4.1.3 (interdisziplinär — Gletscher→Boden→Siedlung→Nahrung in einer Kette) · 4.2.2 (Zielkonflikte — politische vs. ökologische Grenzen) · 4.3.1 (Leitbildreflexion — Landschaftsbrief)
SDG-Bezüge SDG 11 (Einzugsgebiet- und Landnutzungsbewusstsein für Planung) · SDG 13 (Glaziale Landschaft als Klimakontext) · SDG 15 (Naturpark-Engagement, Landbedeckungsübergänge)
Praktischer Bezug Raumplanung, Einzugsgebietsbewusstsein, Naturpark-Engagement, gemeindeübergreifende Kooperation, informiertes Wahlverhalten zu regionaler Entwicklung

Die pädagogische Herausforderung mit Erwachsenen

Erwachsene in der ländlichen Brandenburg navigieren täglich durch ihre Landschaft — zum Pendeln, Einkaufen, Besuchen, zur Erholung — aber selten lesen sie sie. Die Verwaltungskarte (Landkreis Oder-Spree, die Stadtgrenze, das Postleitzahlengebiet) ist so dominant geworden, dass die ökologische Karte unsichtbar wurde. Erwachsene wissen, dass sie „in Müllrose, in Brandenburg, in Deutschland” leben, aber nicht „im Schlaube-Einzugsgebiet, auf glazialem Schmelzwassersand, am Rand einer pleistozänen Endmoräne, in einer Bioregion, die sich bis nach Polen erstreckt.”

Der Workshop-Titel erfasst den Ansatz: Es gibt eine Karte unter der Verwaltungskarte — eine Karte, die von Wasser, Eis, Boden und Vegetation über Jahrtausende gezeichnet wurde — und sie ist für die Nachhaltigkeit relevanter als jede politische Grenze. Diese Karte zu entdecken ist die Erfahrung.

Vorbereitung und Materialien

Alle Materialien aus Anhang C.3 (analoger Strang) und C.4 (GIS-Strang):

Willkommen und Einführung (15 Minuten)

Versammlung an einem erhöhten Aussichtspunkt in der Nähe des Campus — an einem Punkt mit Landschaftspanorama.

„Schaut auf diese Landschaft. Ihr kennt sie — ihr fahrt durch sie, geht durch sie, lebt in ihr. Aber heute möchte ich euch eine Frage stellen, die ihr vielleicht noch nie so gestellt bekommen habt: Woraus besteht diese Landschaft? Nicht die Häuser, nicht die Straßen — die sind neu. Was war vorher hier? Was ist das Substrat, auf dem alles sitzt?

Vor etwa 15.000 Jahren stand ein Gletscher ungefähr dort, wo wir gerade stehen. Es war das Weichsel-Inlandeis, und es bedeckte alles, was ihr sehen könnt. Als es sich zurückzog, hinterließ es alles, was diese Landschaft definiert: die Moränen (die Hügelrücken), die Schmelzwassersandflächen (die sandigen Flachbereiche), die Gletschertäler (das Schlaubetal, das Odertal), die Seen (Kesselmoore, wo Eisblöcke schmolzen). Der Boden unter euren Füßen, die Wälder, das Wasser — alles ist glaziales Erbe.

Heute verfolgen wir dieses Erbe. Wir gehen nach außen, lesen die Landschaft und kommen zurück, um die Karte unter der Karte zu zeichnen — die bioregionale Karte, die der Gletscher zeichnete und die kein Politiker gelöscht hat.”

BNE 1.1.1 (Lebensweltbezug) / 2.1.1 (multidimensional): Die glaziale Rahmung integriert alle vier Nachhaltigkeitsdimensionen in einem einzigen Eröffnungsabsatz. Ökologisch: das Substrat der Landschaft. Ökonomisch: der sandige Boden, der Ziegelherstellung und Landwirtschaft prägte. Sozial: das Siedlungsmuster, das der Gletscher ermöglichte. Kulturell: die geerbte Landschaft als Identität. Erwachsene in der ländlichen Brandenburg sind sich oft nicht bewusst, dass sie das Produkt eines bestimmten geologischen Ereignisses vor 15.000 Jahren bewohnen.

Die Erfahrung: Phase 1 — Transekte gehen (3–4 Stunden)

Aufteilung in 2–3 Teams, jedes eine andere Transektroute von 5–8 km gehend. Routen sind vorab erkundet, um maximale Landschaftsübergänge zu kreuzen und idealerweise einen erhöhten Aussichtspunkt am Wendepunkt zu erreichen.

Empfohlene Transektrichtungen von Müllrose:

Jede Richtung zeigt eine andere Seite der glazialen Architektur.

Jedes Teammitglied führt eine Transekt-Dokumentationstabelle:

Station GPS Was hat sich verändert? Bodenbeobachtung Wasserbeobachtung Vegetation Kulturmerkmal Gefühlter Übergang?
               

An signifikanten Übergangspunkten verweilen. Die Anleitenden modellieren das bioregionale Lesen:

Der Wendepunkt-Moment (Landschaftsbrief, 10 Minuten):

An der entferntesten Station eine stille Pause. Alle schreiben 5–10 Minuten in ihre Notizbücher.

Aufforderung: „Schreib kurz an die Landschaft — nicht darüber, sondern an sie. Als ob sie ein Mensch wäre. Was hast du heute in ihr gesehen, das du vorher nicht gesehen hast? Was möchtest du ihr sagen?”

Diese Briefe werden nicht öffentlich geteilt, es sei denn, die Teilnehmenden entscheiden sich dafür — sie sind eine Reflexionspraxis, ein Goethe’scher Moment der Integration vor dem Rückweg.

BNE 3.1.5 (reflexiv) / 4.3.1 (Leitbildreflexion) / 4A-Lernpfad (Attitude): Der Landschaftsbrief ist die Attitude-Stufe des 4A-Lernpfads in diesem Leitfaden. Die ungewöhnliche Anredeform — „Liebe Landschaft” — positioniert das Territorium proxemisch als Gesprächspartner auf persönlicher Distanz. Das Schreiben an die Landschaft „wie an einen Menschen” ist auch ein Werte-bildender Schritt: Es verlangt, die Perspektive eines Ortes einzunehmen — Voraussetzung für die Stewardship-Haltung, die der Leitfaden anstrebt. Die Briefe dürfen nie ohne ausdrückliche Zustimmung öffentlich geteilt werden.

Die Erfahrung: Phase 2 — Kartierungssynthese (2–2,5 Stunden)

Zurück auf dem Campus, Zone E. Die großformatige Satellitenbildkarte liegt auf dem Tisch.

Schritt 1 — Übergangspunkte kartieren (20 min): Jedes Team berichtet seine Übergangspunkte; Haftpunkte markieren sie auf der gemeinsamen Karte.

Schritt 2 — Wasserstruktur (20 min): Blaue Marker auf einem transparenten Overlay. Anleitende führen die Gruppe durch das Einzugsgebietsprinzip:

„Findet jeden Bach, jeden Graben, jeden See auf der Karte. Zeichnet die Wasserflussrichtungen. Jetzt: Findet die Linie, an der das Wasser beginnt, in verschiedene Richtungen zu fließen. Das ist eine Wasserscheide. Und alles auf einer Seite dieser Linie — all der Regen, der dort fällt — endet schließlich an einem Ort.”

Dies ist oft das erste Mal, dass Erwachsene erkennen, dass Wasser ein Territorium fundamentaler definiert als jede politische Grenze.

BNE 2.1.1 (ökologische Dimension) / 4.1.3 (interdisziplinär): Die Einzugsgebiet-Offenbarung ist der ökologisch-dimensionale Schlussstein von Leitfaden 2. Die GIS/analog-Vergleich gibt dieser Entdeckung ihre wissenschaftliche Grundlage, während die praktische Faden-Grenzdiskussion ihr die soziale Dimension gibt. Kriterium 2.1.1 fordert, dass zwei Nachhaltigkeitsdimensionen explizit verknüpft werden — der Einzugsgebiet-Schritt verbindet ökologisch (hydrologisches Territorium) und sozial (gemeinschaftliche Governance-Verantwortung) in einer einzigen Frage.

Schritt 3 — Geologie und Boden (20 min): Braune Marker auf einem zweiten Overlay. Übergangspunkte aus Transekten, die Boden- oder Geländeveränderungen entsprachen, werden markiert.

Schritt 4 — Vegetation und Landnutzung (20 min): Grüne und rote Marker. Waldblöcke, Agrarzonen, Siedlungsbereiche.

Schritt 5 — Kulturelle Schicht (20 min): Gelbe Marker. Hier bereichert Lokalwissen die Karte: Kirchen, Märkte, Schulen, Naturpark-Grenzen, traditionelle Versammlungsorte.

Schritt 6 — GIS-Erkundung (30 min): Die Anleitenden schalten durch die digitalen Schichten während die Gruppe auf die Projektion schaut. Analog- und Digitalkarte werden in Echtzeit verglichen.

Schritt 7 — Grenzdiskussion (30 min): Mithilfe von Faden schlägt die Gruppe kollektiv eine bioregionale Grenze vor. Die erwachsene Diskussion ist typischerweise differenzierter als die der Kinder — Erwachsene wägen konkurrierende Kriterien ab, erkennen an, dass verschiedene Definitionen verschiedene Grenzen erzeugen.

BNE 2.2.1 (Kontroversität) / 4.2.1 (gemeinsames Planen) / 4A-Lernpfad (Attitude→Action): Die Fadendiskussion ist der BNE-dichteste Moment des Leitfadens. BNE 2.2.1 fordert, dass das Bildungskonzept „kontroverse Perspektiven berücksichtigt, um unabhängige Meinungsbildung zu fördern.” Die Grenzdiskussion macht dies strukturell: Es gibt keine einzig richtige Antwort, konkurrierende Kriterien erzeugen konkurrierende Grenzen. Die Weigerung der Anleitenden, den Dissens aufzulösen, modelliert die epistemische Haltung, die der Katalog „unabhängige Meinungsbildung” nennt.

Abschluss und gemeinsames Mahl (30 Minuten)

Das gemeinsame Mahl verbindet sich mit dem bioregionalen Thema: „Jede Zutat auf diesem Tisch kam von irgendwo innerhalb oder nahe der Bioregion, die ihr gerade kartiert habt. Das Brot — welche Bäckerei? Das Gemüse — welcher Hof? Das Wasser — welcher Grundwasserleiter? Wenn ihr esst, esst ihr eure Bioregion.”

Jede teilnehmende Person teilt einen Satz: „Die Karte unter meiner Karte ist ___.”

Citizen-Science-Ergebnis

Token-Ökonomie-Integration

Aktivität Token-Element
Ein vollständiges Transekt mit Dokumentation gehen Kooperation
Übergangsdaten und GPS-Spuren beitragen Mutualismus
An der Kartierungssynthese teilnehmen Kooperation
Lokales/kulturelles Wissen zur Kulturschicht beitragen Reziprozität
Einen bioregionalen Grenzvorschlag mit Begründung machen Kooperation + Mutualismus
Für ein saisonales Wiederholungstransekt zurückkehren Regeneration

Hinweise für Anleitende

Fitnessniveaus variieren. Transekte von 5–8 km sind moderat, können aber manche Teilnehmende fordern. Eine kürzere Routenoption anbieten (3 km).

Die GIS-Fachkraft ist unverzichtbar. Im Gegensatz zum Kinderleitfaden (wo GIS ein Ergänzungswerkzeug ist) hängt der Erwachsenenleitfaden von der analog-digitalen Synthese ab. Eine kompetente QGIS-Fachkraft bereitstellen, die in Echtzeit Schichten umschalten, zoomen und annotieren kann.

Politische Sensibilität des bioregionalen Denkens. Manche Teilnehmenden könnten dagegen sein, dass politische Grenzen „willkürlich” sind. Anleitende sollten anerkennen: „Politische Grenzen sind real und wichtig. Aber sie sind nicht die einzigen realen Grenzen.”

Proxemische Gestaltungshinweise

Das Transekt als proxemisches Gegenmittel zur Kartendistanz. Erwachsene kommen mit der tief verankerten Gewohnheit, Landschaft auf öffentlicher Distanz zu betrachten. Das Transekt-Gehen versetzt sie zwangsläufig auf intime und persönliche Distanz zur Landschaft.

Der Landschaftsbrief als proxemische Reflexion. Die Schreibübung am Wendepunkt ist eine Aktivität auf intimer Distanz. Sie darf nicht geteilt werden, außer auf Wunsch der Teilnehmenden; die proxemische Intimität der Übung erfordert Schutz.

Das abschließende Mahl als bioregionale proxemische Synthese. Das Mahl bringt die Bioregion von öffentlicher Distanz (kartiertes Territorium) auf intime Distanz (Geschmack, Geruch, Textur, Wärme). Das Brot vom Lokalbäcker ist eine proxemische Begegnung mit dem lokalen Weizenfeld.



Leitfaden 3: Die Landschaft erinnert sich — The Landscape Remembers

Für Ältere und generationenübergreifende Gruppen


Übersicht

   
Titel Die Landschaft erinnert sich / The Landscape Remembers / Krajobraz pamięta
Zielgruppe Ältere Bewohner·innen (60+), gepaart mit jüngeren Teilnehmenden
Gruppengröße 8–16 (ausgewogen Ältere/Jüngere)
Dauer Halbtag (3–3,5 Stunden) — innenfokussiert mit optionalem kurzen Spaziergang
Ort Zone E (Heritage Hub) als Basis; optionaler kurzer Spaziergang (500 m–1 km) zu einem nahen Aussichtspunkt
Jahreszeit Winter oder früher Frühling (Innenkomfort; Landschaft auf ihre Struktur zurückgezogen)
4A-Lernpfad-Schwerpunkt Acknowledgment (lebenslanges Landschaftswissen als bioregionale Daten anerkennen)
Drei-Strom-Balance Herz-dominant (Erzählcafé-Atmosphäre; Trauer und Erinnerung als legitime Daten) → Hände (Erinnerungskarte zeichnen, Haftzettel platzieren) → Kopf (historischer Kartenvergleich, Epochenanalyse)
Nachhaltigkeitsdimensionen ☑ Ökologisch (verschwundene Bäche, frühere Feuchtgebiete, Artenverlust) · ☑ Ökonomisch (DDR-Kollektivierungslandnutzungswandel, Obstgartenverlust, ländliche Deindustrialisierung) · ☑ Sozial (generationenübergreifender Wissenstransfer, Gemeinschaftsgedächtnis als Commons) · ☑ Kulturell (Klang- und Geruchserinnerung als Kulturerbe; das Archiv als Gemeinschaftsakt) — alle vier Dimensionen, kulturell und sozial primär
Primäre Gestaltungskompetenzen 4.1.1 (weltoffen — jüngere Teilnehmende begegnen Perspektiven von vor ihrer Geburt) · 4.1.4 (Unsicherheit — Erinnerungs-vs.-Karten-Diskrepanz als legitimes Datum, nicht Fehler) · 4.3.3 (Empathie — Raum für Trauer über Landschaftsverlust halten) · 4.3.4 (Gerechtigkeit — Wissen Älterer gleichwertig wie GPS-Daten behandeln)
SDG-Bezüge SDG 13 (Landschaftserinnerung als Klimaproxy; Landbedeckungswandel über Jahrzehnte) · SDG 15 (Artenverlust durch Altenstimme dokumentiert; entwässerte Feuchtgebiete) · SDG 4 (generationenübergreifendes Wissen als Bildungsinhalt)
Besonderer Wert Ältere haben Landschaftswandel miterlebt — ihre Erinnerungen sind ein zeitliches Transekt, das keine Karte ersetzen kann

Das Kernprinzip: Erinnerung als Transekt

Ein Transekt-Gehen durchquert Raum — man bewegt sich nach außen und hält Veränderungen fest. Erinnerung Älterer durchquert Zeit — man bleibt an einem Ort und erinnert sich, was sich veränderte. Beide sind Methoden, Landschaft zu lesen. Beide erzeugen Übergangsdaten. Beide enthüllen Grenzen.

Proxemische Anmerkung — Erinnerung als zeitliche Erweiterung des proxemischen Feldes: Wenn eine ältere Person sich an den Geruch eines verschwundenen Obstgartens erinnert, befinden sie sich in einer intimen proxemischen Beziehung zu einem physisch abwesenden Ort — die Erinnerung trägt Berührungs-, Geruchs-, Klang- und Wärmeempfindung über Jahrzehnte. Wenn sie sich an einen Bach erinnern, der nicht mehr fließt, halten sie eine Intimdistanz-Beziehung zu Wasser aufrecht, auf das aktuelle Teilnehmende nur auf öffentlicher Distanz zugreifen können (auf einer historischen Karte). Das zeitliche Transekt Älterer ist daher auch ein proxemisches Transekt: Es enthüllt nicht nur, was die Landschaft war, sondern wie sie sich anfühlte, roch, klang und schmeckte.

Eine ältere Person, die sechzig Jahre in Müllrose gelebt hat, hat Felder beobachtet, die zu Wald wurden, Bäche, die sich verschoben, Straßen, die entstanden, Gebäude, die auf- und abstiegen, Arten, die kamen und verschwanden. Dieses zeitliche Transekt ist ein Datensatz, den keine GIS-Schicht enthält. Es wird mit jedem Jahr, das ohne Aufzeichnung vergeht, unwiederbringlich verloren.

Dieser Leitfaden ist daher ebenso sehr eine Archivierungsübung wie eine Kartierungsübung. Er erzeugt eine „Erinnerungskarte” — ein Dokument, das Altenstimmen über zeitgenössische Kartografie schichtet und der Bioregion eine zeitliche Tiefe verleiht, die sie von einem Schnappschuss in eine Geschichte verwandelt.

Vorbereitung und Materialien

Willkommen und Einführung (15 Minuten)

Sitzend, Getränke serviert.

„In den anderen Kartierungs-Workshops gehen Menschen von diesem Campus nach außen und versuchen, das Ende unserer Bioregion zu finden. Heute machen wir etwas anderes. Wir bleiben hier — aber wir reisen durch die Zeit. Denn jede von Ihnen hat bereits ein Transekt durch diese Landschaft gegangen. Sie haben es vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig Jahre lang gegangen. Und auf diesem Weg hat sich die Landschaft um Sie herum verändert.

Sie erinnern sich an Felder, die jetzt Wälder sind. Sie erinnern sich an Bäche, die nicht mehr fließen. Sie erinnern sich an ein Müllrose, das anders aussah, anders roch, anders klang. Diese Erinnerung ist keine Nostalgie — sie sind Daten. Es sind die wichtigsten Daten, die irgendjemand in diesem Raum über diese Landschaft besitzt, weil sie nicht gemessen, nicht fotografiert, nicht rekonstruiert werden können. Sie existieren nur in Ihren Gedanken.

Heute erstellen wir eine Karte, die Ihre Erinnerung hält — eine Karte, die nicht nur zeigt, wo Dinge sind, sondern wo sie waren und wie sie sich veränderten.”

BNE 1.2.1 / 1.2.2 (zielgruppenspezifischer Bedarf): Die Einführung benennt explizit, warum Älteres Wissen unersetzbar ist. Der Satz „Diese Erinnerung ist keine Nostalgie — sie sind Daten” tut pädagogische Arbeit: Er positioniert Älteres Wissen von sentimental zu wissenschaftlich um. Dies ist entscheidend für 4.3.4 (Gerechtigkeit als Handlungsgrundlage): Wissen Älterer wird gleichwertig zu GPS-Daten behandelt.

Die Erfahrung: Phase 1 — Kartenorientierung und historischer Vergleich (30 Minuten)

Das aktuelle Satellitenbild und die historischen Karten auf benachbarten Tischen ausbreiten.

Die Anleitenden laden ein: „Finden Sie Ihren Hauseinstieg auf dem aktuellen Bild. Jetzt finden Sie denselben Ort auf der DDR-Karte. Jetzt auf dem Preußischen Urmesstischblatt. Erkennen Sie die Straßen? Die Felder? Den Wald? Was hat sich verändert?”

Diese Phase ist oft bereits narrativ reich: Teilnehmende zeigen auf Stellen auf der historischen Karte und sagen: „Hier war die Molkerei” oder „Hier waren die Fischerteiche — hier stehen jetzt Wohnhäuser” oder „Diese Straße ist die ganze Zeit dieselbe — sogar der König hat sie gebaut.”

Die Erfahrung: Phase 2 — Die Erinnerungskarte (90 Minuten)

Das großformatige Leerblatt auf dem Tisch ausbreiten, zentriert neben dem Satellitenbild.

„Dies ist unsere Erinnerungskarte. Sie hat keine vorgefertigten Symbole, keine offiziellen Grenzen. Wir werden sie gemeinsam füllen, basierend auf dem, woran Sie sich erinnern.”

Die Anleitenden stellen thematische Fragen und laden Teilnehmende ein, Antworten direkt auf der Karte zu markieren oder von jüngeren Mitschreibenden markieren zu lassen:

Land und Wasser: „Wo waren die Bäche, die nicht mehr fließen? Wo waren die Teiche oder Feuchtgebiete, die entwässert wurden? Wo waren Obstgärten, bevor sie verschwanden?”

Wälder und Felder: „Wie sahen die Wälder aus, als Sie jung waren? Gab es Wälder, wo jetzt Felder sind? Felder, wo jetzt Wälder sind? Was erklärt die Veränderungen — waren es DDR-Aufforstungen, Zusammenlegungen?”

Tierbeobachtungen: „Welche Tiere haben Sie hier gesehen, die Sie jetzt nicht mehr sehen? Wo haben die Störche genistet? Wo war das Wildnest? Wo haben die Frösche gesungen?”

Die Klang- und Geruchserinnerung: „Was hat diese Landschaft geklungen, als Sie jung waren? Mehr Vögel? Andere Vögel? Traktoren statt Pferden? Flugzeuge? Windräder? Wie hat sie gerochen? Mist von bestimmten Feldern? Rauch von bestimmten Fabriken? Blüten von Obstgärten, die weg sind?”

Diese Schicht kann nicht auf einer Karte gezeichnet werden — sie wird auf Ton aufgezeichnet und transkribiert. Aber sie sind einige der mächtigsten bioregionalen Daten. Klang und Geruch definieren Territorium ebenso sicher wie Einzugsgebiet oder Bodentyp, und ihre Veränderung über die Zeit enthüllt ökologische und ökonomische Transformation.

BNE 2.1.1 (alle vier Dimensionen in einer Phase) / 4.1.1 (neue Perspektiven): Die Klang- und Geruchserinnerungs-Phase ist der mehrdimensionalste Moment des Leitfadens. Ökologisch: Klanglandschaftsveränderung als Biodiversitätsindikator. Ökonomisch: Gerüche verschwundener Fabriken, Pferde ersetzt durch Traktoren. Sozial: geteilte Gemeinschafts-Klanglandschaften definieren kollektive Erinnerung. Kulturell: die olfaktorische und akustische Textur eines Ortes ist unersetzliches Kulturerbe. Jüngere Teilnehmende, die neben Älteren schreiben, erleben BNE 4.1.1 am direktesten: eine Perspektive von vor ihrer Geburt, auf intimer Distanz vermittelt.

Die Erfahrung: Phase 3 — Die zeitliche Bioregion (20 Minuten)

Jetzt ist die Erinnerungskarte voll mit Farbmarkierungen und Haftnotizen. Die Anleitenden versammeln die Gruppe darum.

„Sie haben eine Karte gezeichnet, die kein Satellit aufnehmen und kein Computer erzeugen kann. Sie zeigt nicht eine Landschaft, sondern viele — die Landschaft Ihrer Kindheit, Ihres Erwachsenenlebens und heute, alle überlagert.

Jetzt: schauen Sie auf die Grenzen. Wo hat ‚unser Ort’ aufgehört, als Sie jung waren? War es dasselbe wie heute? Haben Sie anders gereist — zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Zug? War Ihre gelebte Bioregion größer oder kleiner als heute?”

Diese Diskussion enthüllt oft, dass Ältere-Bioregionen gleichzeitig lokaler (sie gingen mehr, kannten jeden Feldnamen innerhalb weniger Kilometer) und verbundener (regionale Bahnnetze, saisonale Arbeitsmuster und Marktstädtökonomien schufen Ströme, die sich weiter erstreckten als heutige autobasierte Pendelmuster) waren.

Citizen-Science-Ergebnis

Token-Ökonomie-Integration

Aktivität Token-Element
Landschaftserinnerungen beitragen Reziprozität
Historische Fotos oder Dokumente bereitstellen Mutualismus
Schreiben und Transkribieren (jüngere Teilnehmende) Reziprozität
Ein Merkmal auf der Erinnerungskarte für Felduntersuchung identifizieren Mutualismus + Regeneration
Für eine saisonale Wiederholung zurückkehren Kooperation

Hinweise für Anleitende

Die Erinnerungskarte ist unersetzlich. Jede ältere Person, die teilnimmt, fügt Informationen hinzu, die nirgendwo sonst existieren. Die Dringlichkeit dieser Arbeit kann nicht überbetont werden — die Müllrose-Bewohner·innen, die sich an die Vorkriegslandschaft erinnern, sind in ihren 80ern und 90ern.

Erinnerungen Älterer nicht korrigieren. Wenn eine ältere Person sagt „hier floss früher ein Bach” und die historische Karte zeigt keinen Bach an dieser Stelle, beides aufzeichnen. Die Spannung zwischen Erinnerung und Kartografie ist selbst ein Datum.

Trauer zulassen. Ältere, die Landschaftswandel kartieren, kartieren oft Verlust. Die Anleitenden sollen dafür Raum halten, ohne umzuleiten. Die Erinnerungskarte ist ein Akt des Ehrens ebenso wie des Aufzeichnens.

Proxemische Gestaltungshinweise

Das Erzählcafé als proxemische Infrastruktur. Die kontinuierliche Bereitstellung von warmen Getränken und Kuchen ist keine Gastfreundschaft — es ist die proxemische Umgebung, die Wissen Älterer zum Fließen bringt. Die räumliche Anordnung (kreisförmiges Sitzen, gemeinsamer Tisch, Karten auf Greifweite ausgebreitet, Essen und Trinken zur Hand) schafft eine stark soziopetale Intimdistanz-Situation. Alle Kanäle aktiv: Wärme der Tasse, Kaffeeduft, Kuchengeschmack, Blick auf Karten und Gesichter.

Die Erinnerungskarte als proxemisches Objekt. Das großformatige Leerblatt in der Mitte der Gruppe soll so positioniert sein, dass alle Teilnehmenden es erreichen, sich darüberlehnen, auf bestimmte Orte zeigen und Farbmarkierungen setzen können. Wenn die Erinnerungskarte an einer Wand projiziert oder hinter Glas gezeigt wird, wird sie ein Objekt öffentlicher Distanz.

Die zeitliche Bioregion als proxemische Expansion und Kontraktion. Wenn Ältere ihre gelebte Bioregion über die Zeit beschreiben, enthüllen sie oft ein Paradox: Ihre proxemische Bioregion (das Territorium, das sie auf intimer Distanz kannten) war oft kleiner aber tiefer als der heutige autobasierte Pendelbereich.



Leitfaden 4: Kartografien der Zugehörigkeit — Cartographies of Belonging

Für Künstler·innen und Forschende (Residenz-Tiefenimmersion)


Übersicht

   
Titel Kartografien der Zugehörigkeit / Cartographies of Belonging / Kartografie przynależności
Zielgruppe Künstler·innen-in-Residenz, Gastforschende, Citizen-Science-Fellows
Gruppengröße 1–6
Dauer Erstsitzung: Ganztag (7–8 Stunden einschließlich ausgedehntem Transekt). Fortlaufend: wöchentliche Transekte während der Residenz (1–4 Wochen).
Ort Gesamte Landschaft rund um Erdpuls; Residierend·e definieren ihr eigenes Kartierungsgebiet
Jahreszeit Alle Jahreszeiten; der Jahreszeitenbogen während der Residenz wird zur zeitlichen Dimension der Karte
4A-Lernpfad-Schwerpunkt Vollständiger Pfad, tiefste Auseinandersetzung bei Action (die Produktion eines originalen kartografischen Werks, das bioregionales Wissen erweitert)
Drei-Strom-Balance Alle drei gleichwertig, über Wochen aufrechterhalten — Kopf (Kartografische Frage, GIS, Halbzeitsynthese), Hände (wöchentliche Transekte, Bodenprobennahme, Tonaufnahme, Zeichnen am Wendepunkt), Herz (wachsendes Gefühl der Zugehörigkeit zum Territorium; die „Blick zurück”-Zeichnung)
Nachhaltigkeitsdimensionen ☑ Ökologisch (systematischer Transektdatensatz; Arten- und Bodenbeobachtungen) · ☑ Ökonomisch (Landnutzungsdokumentation; Landwirtschafts- vs. Waldwirtschaft sichtbar) · ☑ Sozial (öffentliche Präsentation; andere in die Methode einführen) · ☑ Kulturell (originales kartografisches Werk als kultureller Beitrag; künstlerische Tradition der Landschaftskartografie)
Primäre Gestaltungskompetenzen 4.1.3 (interdisziplinär — wissenschaftliche Strenge plus künstlerische Sensibilität in jedem Transekt) · 4.3.2 (selbständig handeln — selbstgesteuerte Praxis der Residierenden) · 4.2.4 (Eigenmotivation — intrinsische Kartografische Frage als Motor) · 4.1.4 (Unsicherheit — „das Territorium zeigt dir etwas Unerwartetes; das ist kein Scheitern”)
SDG-Bezüge SDG 4 (OER-Ergebnis; Methodentransfer) · SDG 15 (reichster Biodiversitäts- und Bodendatensatz aller Leitfäden) · SDG 17 (offene Datenbeiträge; Residenz als Partnerschaftsmodell)

Der Residenz-Kontext

Für Künstler·innen oder Forschende, die wochenlang vor Ort verbringen, ist die Bioregion keine Abstraktion, die an einem Tag erkundet werden kann — es ist das Territorium, das sie bewohnen. Ihre täglichen Bewegungen, Spaziergänge und Erkundungen bilden eine fortlaufende Kartierungspraxis, ob sie es so gestalten oder nicht. Dieser Leitfaden bietet eine Struktur, die dieses natürliche Bewohnen in rigorose bioregionale Dokumentation und kreative Kartografie verwandelt.

Der Leitfaden operiert gleichzeitig auf drei Ebenen:

Erstsitzung: Das erste Transekt (Ganztag)

Vormittag — Der lange Spaziergang (4–5 Stunden):

Die Anleitenden gehen mit den Residierenden ein einziges ausgedehntes Transekt — das längste im Toolkit, 8–15 km, gewählt um die dramatischsten verfügbaren Landschaftsübergänge vom Campus aus zu kreuzen. Im Müllroseaner Kontext läuft das ideale Transekt vom Campus nordwärts durch Ackerflächen in das Schlaubetal und kehrt über eine andere Route zurück.

Dies ist kein Wandern. Es ist eine Lektüre — ein langsames, aufmerksames Durchqueren der Landschaft. Alle 500 m eine Station. An jedem Übergang eine ausgedehnte Pause: fotografieren, Bodenbeobachtung, Tonaufnahme, GPS-Punkt, schriftliche Notizen.

Die Anleitenden modellieren das bioregionale Lesen: „Bemerkt, wie der Sand hier aufhört? Wir haben den Sander überschritten und betreten die Moräne. Die Bäume sind anders — Kiefer auf dem Sand, Buche auf der Moräne. Das Wasser fließt jetzt auf uns zu statt von uns weg — wir haben eine Wasserscheide überschritten. Spürt die Lufttemperatur — sie ist zwei Grad gefallen, als wir ins Tal eintraten.”

Die Residierenden zeichnen in ihrem eigenen Medium auf: Notizbuch, Skizzenbuch, Kamera, Aufnahmegerät, Probensammlung — was auch immer ihrer Praxis dient.

Nachmittag — Die Karte als Ausgangsfrage (2–3 Stunden):

Rückkehr zum Campus. Die Anleitenden stellen das vollständige GIS-Projekt und die analogen Kartierungsmaterialien vor. Die Residierenden erkunden beides.

Der wesentliche Unterschied zu anderen Leitfäden: Die Residierenden werden nicht aufgefordert, an Tag 1 einen Grenzvorschlag zu machen. Stattdessen werden sie aufgefordert, eine Kartografische Frage zu formulieren — eine Frage, die ihre residenzlange Kartierungspraxis untersuchen wird:

Beispiele Kartografischer Fragen, die frühere Residierend·e stellen könnten:

Proxemische Anmerkung — die Kartografische Frage als proxemisches Experiment: Jede Karte wird von einer bestimmten proxemischen Position aus gemacht. Ein Satellitenbild kartiert aus orbitaler Distanz — öffentliche Distanz zum Quadrat, nur visuell. Eine Bodenprobe kartiert aus intimer Distanz — Berühren, Riechen, Sehen, alle Kanäle. Die Kartografische Frage kann als Frage verstanden werden: Von welcher proxemischen Position aus soll kartiert werden?

Die Kartografische Frage wird zum Rahmen für die fortlaufende Kartierungspraxis.

BNE 4.3.2 (selbständig planen und handeln) / 4.2.4 (Selbst- und kollektive Motivation) / 3.1.3 (aktivierend): Die Kartografische Frage ist das Gerät, das Leitfaden 4 von einer Datenerhebungsübung in eine echte Forschungs-/Kunstpraxis verwandelt. Im Gegensatz zu den anderen Leitfäden (wo die Frage lautet „wo endet die Bioregion?”) ist Leitfaden 4s Frage selbstverfasst — sie muss genuinen Ursprung bei den Residierenden haben. Die Anleitenden übernehmen eine sokratische Rolle — helfen, zu einer Frage zu gelangen, die sowohl die eigene ist als auch die das Territorium tatsächlich beantworten kann.

Die fortlaufende Praxis: Wöchentliche Transekte

Jede Woche gehen die Residierenden eine andere Transektroute — gewählt um die Abdeckung der Bioregion aus einer anderen Richtung oder in einem anderen Maßstab zu erweitern. Über eine vierwöchige Residenz erzeugen vier Transekte in vier Richtungen ein radiales Portrait des Territoriums.

Transektprotokoll (für Residenztiefe angepasst):

Die Transekte der Residierenden gehen über die Standard-Dokumentationstabelle hinaus:

Residenz-Halbzeitsynthese

Halbzeit der Residenz: Die Anleitenden treffen sich mit den Residierenden zur Synthesessitzung (2–3 Stunden):

Abschluss-Ergebnis der Residenz

Residierend·e produzieren:

  1. Einen wissenschaftlichen Beitrag: Vollständiger Transektdatensatz (GPS-Spuren, Übergangsbeobachtungen, Fotos, Bodenproben, Tonaufnahmen) in die Erdpuls-Bioregionsdatenbank eingetragen
  2. Einen kreativen/wissenschaftlichen Beitrag: Ein originales kartografisches Werk, geprägt von Disziplin und Kartografischer Frage der Residierenden
  3. Einen Grenzvorschlag: Auf Grundlage der akkumulierten Transekterfahrung schlagen Residierend·e eine bioregionale Grenze vor — nicht als endgültige Antwort, sondern als persönliche Synthese

Token-Ökonomie-Integration

Aktivität Token-Element
Wöchentliche Transekte gehen und dokumentieren Kooperation + Mutualismus
GPS- und Übergangsdaten zur Datenbank beitragen Mutualismus
Ein originales kartografisches Werk produzieren Mutualismus + Regeneration
Ergebnisse bei einer öffentlichen Veranstaltung vorstellen Reziprozität
Die Transektmethode an andere weitergeben Reziprozität
Bodenproben sammeln und archivieren Mutualismus

Hinweise für Anleitende

Das erste gemeinsame Transekt ist entscheidend. Zusammen mit den Residierenden durch die Landschaft zu gehen — für einen ganzen Tag, in aufmerksamer Stille, die von geteilten Beobachtungen unterbrochen wird — etabliert die Beziehung zwischen Anleitenden und Residierenden und modelliert die Qualität der Aufmerksamkeit, die die Praxis erfordert.

Die Kartografische Frage ist das Steuer. Ohne sie riskiert die Residenzpraxis eine Datenerhebungsübung ohne kreative Richtung zu werden. Mit ihr wird jedes Transekt zu einer Untersuchung, jeder Übergang zu einem Hinweis.

Das Territorium führen lassen. Manche Residierend·e entdecken in der Residenzmitte, dass ihre Kartografische Frage die falsche war — die Landschaft zeigt ihnen etwas Unerwartetes. Das ist kein Scheitern, sondern ein Erfolg. Das Goetheanische Prinzip gilt: Das Phänomen spricht, wenn die Beobachtenden lernen zu hören.

Proxemische Gestaltungshinweise

Das erste gemeinsame Transekt als proxemische Kalibrierung. 8–15 km mit den Residierenden zu gehen — in aufmerksamer Stille, die von geteilten Beobachtungen unterbrochen wird — ist das wichtigste proxemische Ereignis der Residenz. Zwei Menschen, die stundenlang auf persönlicher Distanz nebeneinander durch eine Landschaft gehen, entwickeln ein gemeinsames sensorisches Vokabular.

Die Tonaufnahme als proxemische Daten. Die 60-Sekunden-Tonaufnahmen an jeder Transektstation sind proxemische Dokumente: Sie erfassen die akustische Umgebung an einem spezifischen Ort und auf einer spezifischen proxemischen Distanz.

Die „Blick zurück”-Zeichnung als proxemische Orientierung. Die Zeichnung oder Malerei an jedem Wendepunkt — zurückblickend zum unsichtbaren Campus — ist eine proxemische Orientierungsübung. Die Residierenden malen von der entferntesten proxemischen Distanz aus, die sie gegangen sind, und blicken zum intimen Zentrum (den Campus), der jetzt unsichtbar ist.



Leitfaden 5: Eine Landschaft, Zwei Länder — One Landscape, Two Countries

Für grenzüberschreitende Gruppen (DE/PL, trilingual, interkulturell)


Übersicht

   
Titel Eine Landschaft, Zwei Länder / One Landscape, Two Countries / Jeden Krajobraz, Dwa Kraje
Zielgruppe Gemischte deutsch-polnische Gruppen, grenzüberschreitende Gemeinschaftsveranstaltungen, europäische Austauschprogramme
Gruppengröße 12–24 (ausgewogen deutsch und polnisch)
Dauer Zwei Tage (Tag 1: Transekte auf beiden Seiten; Tag 2: Kartierungssynthese) oder ein langer Einzeltag
Ort Tag 1: Transekte vom Erdpuls-Campus aus UND von einem Partnerstandort in Lubuskie. Tag 2: Zone E für Kartierungssynthese.
Jahreszeit Später Frühling oder früher Herbst (angenehme Gehbedingungen, maximale Landschaftslesbarkeit, Landwirtschaftsaktivität sichtbar)
4A-Lernpfad-Schwerpunkt Vollständiger Pfad; Schwerpunkt auf Acknowledgment (die Bioregion kennt die Grenze nicht) und Action (grenzüberschreitende bioregionale Stewardship gestalten)
Drei-Strom-Balance Herz-intensiv (der Grenzmoment; gemeinsames Mahl von beiden Seiten; das historische Gewicht anerkennen) neben starken Hände (grenzüberschreitendes Transekt, bilinguales Fadenlegen) und Kopf (GIS-Umschaltübung, „gleiche Landschaft, andere Systeme”-Tabelle)
Nachhaltigkeitsdimensionen ☑ Ökologisch (grenzüberschreitendes Einzugsgebiet; identische Geologie auf beiden Seiten) · ☑ Ökonomisch (Asymmetrie explizit benannt und entgegengewirkt; verschiedene Landmanagementsysteme) · ☑ Sozial (Machtverhältnisse thematisiert; polnische Teilnehmende leiten mindestens eine Kartierungsphase) · ☑ Kulturell (das historische Gewicht der Oder-Neiße-Grenze neben der glazialen Landschaftskontinuität; durchgehend trilinguales Benennen)
Primäre Gestaltungskompetenzen 4.1.1 (weltoffen — buchstäblich eine kulturübergreifende Begegnung) · 4.2.2 (Zielkonflikte — ökologische Kontinuität vs. Governance-Fragmentierung) · 4.3.3 (Empathie — Grenzmoment proxemischer Bruch und Erholung) · 4.3.4 (Gerechtigkeit — DE/PL-Asymmetrie benannt, aktiv entgegengewirkt)
SDG-Bezüge SDG 17 (grenzüberschreitende Partnerschaft; offene Datenteilung; institutionelle Kooperation) · SDG 11 (Gemeinschaftskartierung über Verwaltungsgrenzen) · SDG 13 (geteiltes Einzugsgebiet als geteilte Klimaverantwortung) · SDG 10 (Ungleichheit verringern — DE/PL-Asymmetrie explizit thematisiert)

Das grenzüberschreitende Prinzip

Dies ist der anspruchsvollste Leitfaden in der gesamten Bioregion-Kartierungsreihe. Er lädt Teilnehmende aus zwei Ländern ein, gemeinsam ein Territorium zu definieren, das ihre Regierungen nicht anerkennen und ihre Karten nicht zeigen: die grenzüberschreitende Bioregion des Müllrose-Słubice-Rzepin-Gebiets.

Das geologische Faktum ist eindeutig: Die glaziale Landschaft, die den Erdpuls-Campus definiert, erstreckt sich ohne Unterbrechung nach Polen. Die Moränenrücken, die Schmelzwassersandflächen, die Flusssysteme (Schlaube → Oder/Odra), die Vegetationsgemeinschaften — alle überschreiten die Grenze. Die Oder selbst, die die politische Grenze bildet, ist ein Verbinder, kein Teiler.

Das politische Faktum ist ebenso eindeutig: Die Grenze ist real, folgenreich und historisch aufgeladen. Umweltvorschriften, Raumplanung, Sprache, Währung und institutionelle Strukturen unterscheiden sich auf jeder Seite.

Der Workshop hält beide Fakten gleichzeitig: Die Bioregion existiert, die Grenze existiert, und die kreative Spannung zwischen ihnen ist der produktivste Raum für grenzüberschreitende Nachhaltigkeitskompetenz.

Vorbereitung und Materialien

Alles aus dem Erwachsenenleitfaden (Leitfaden 2), plus:

Tag 1: Das grenzüberschreitende Transekt

Das ideale Transekt führt vom Erdpuls-Campus ostwärts, überquert das deutsche Hinterland, erreicht die Oder, überquert nach Polen (über Brücke bei Kunowice/Frankfurt-Słubice oder Fähre wenn verfügbar) und setzt sich mehrere Kilometer in die polnische Landschaft fort. Gesamtdistanz: 15–25 km wenn vollständig gegangen.

Der Grenzmoment:

Wie auch immer das Transekt organisiert ist, der Moment des Grenzübertritts wird explizit markiert:

Proxemische Anmerkung — die Grenze als proxemischer Bruch: Der Grenzmoment ist das dramatischste proxemische Ereignis des Workshops. Auf der deutschen Seite gingen Teilnehmende durch vertraute Landschaft auf persönlicher Distanz — sie konnten die Schilder lesen, Gespräche verstehen, Gebäudestile erkennen. Das Überschreiten der Grenze erzeugt einen proxemischen Bruch: Schilder werden fremd, Sprache undurchdringlich, Gebäudestile unbekannt. Die gleiche physische Landschaft — der gleiche glaziale Sand, der gleiche Wald, der gleiche Himmel — fühlt sich plötzlich weiter weg an. Was folgt — die Anweisung, auf beiden Seiten Boden zu graben und zu vergleichen — ist eine proxemische Erholung: Die Hände greifen in die Erde und finden dieselbe Textur, dieselbe Farbe, denselben Geruch.

„Haltet an. Schaut nach Osten. Schaut nach Westen. Was hat sich verändert? Die Sprache auf den Schildern. Der Straßenbelag. Der Gebäudestil. Vielleicht das Feldmuster. Schaut jetzt nach unten. Hat sich der Boden verändert? Grabt eine Handvoll auf jeder Seite. Vergleicht.”

Typisch: ökologisch hat sich sehr wenig verändert. Der Boden ist derselbe glaziale Sand. Die Vegetation ist derselbe Mischwald und Ackerbau. Die Vögel sind dieselben Arten.

„Die Grenze ist 80 Jahre alt. Die Landschaft ist 15.000 Jahre alt. Die Landschaft weiß nichts von der Grenze.”

BNE 2.2.1 (Kontroversität) / 4.3.3 (Empathie) / 2.1.1 (multidimensional): Der Grenzmoment ist der BNE-reichste Moment von Leitfaden 5. BNE 2.2.1 fordert genuinen Kontroverses — die Grenze ist gleichzeitig real und irrelevant, und der Workshop hält beide Wahrheiten. Der Bodenvergleich auf intimer proxemischer Distanz gibt der ökologischen Perspektive verkörperte Evidenz. BNE 4.3.3 (Empathie): Teilnehmende mit familiärer Verbindung zur Vertreibung 1945 müssen mit voller Empathie gehalten werden, nicht durch ein ökologisches Argument übergangen. Das Ökologische und das Historische sind beide real. Die pädagogische Leistung des Workshops liegt darin, beide gleichzeitig zu halten, nicht die Spannung durch Wahl einer Seite aufzulösen.

Tag 2: Grenzüberschreitende Kartierungssynthese

Zurück in Zone E. Das vollständige Anhang-C-Kartierungsprotokoll, auf grenzüberschreitenden Maßstab erweitert.

Die kritische GIS-Übung:

Das QGIS-Projekt mit Schichten aus beiden Ländern anzeigen.

„Beobachtet, was passiert, wenn ich die Verwaltungsgrenzen-Schicht ein- und ausschalte.”

Mit eingeschalteter Schicht: zwei Länder, zwei Farben, eine harte Linie. Mit ausgeschalteter Schicht: eine Landschaft, eine Geologie, ein Einzugsgebiet, eine Vegetationsgemeinschaft.

Mehrfach umschalten. Die visuelle Wirkung ist stark und bedarf keiner Erklärung.

BNE 2.2.2 (global-lokal) / 4.2.2 (Zielkonflikte) / 4.1.3 (interdisziplinär): Die GIS-Umschaltung ist die komprimierteste BNE-Demonstration des Leitfadens. Mit der Grenzschicht eingeschaltet: Governance-Realität (zwei Staaten, zwei Rechtssysteme). Mit ausgeschalteter Schicht: ökologische Realität (ein Einzugsgebiet, eine Geologie, ein Natura-2000-Netzwerk). Die Umschaltung macht den Zielkonflikt sichtbar, den BNE 2.2.2 verlangt.

Einzugsgebiet-Kartierung über die Grenze:

Die wichtigste Schicht. Die Oder-Einzugsgebiet-Grenze läuft auf beiden Seiten des Flusses, tief in beide Länder hinein.

„Wenn Sie die Bioregion durch ihr Einzugsgebiet definieren — durch das Wasser, das sie verbindet — dann erstreckt sich die Müllroseaner Bioregion mindestens 30 km nach Polen. Akzeptiert Ihre politische Identität das? Muss sie das?”

Grenzüberschreitende Grenzdiskussion:

Die abschließende Übung. Zwei Fadenfarben: eine von deutschen Teilnehmenden vorgeschlagen, eine von polnischen. Stimmen sie überein? Wo sie abweichen, werden die Gründe diskutiert. Der endgültige zusammengesetzte Grenzvorschlag wird auf der grenzüberschreitenden Karte eingezeichnet und zweisprachig kommentiert.

Die Vergleichstabellen-Diskussion:

Merkmal Deutsche Seite Polnische Seite
Schutzgebietsausweisung Naturpark Schlaubetal Park Krajobrazowy (falls anwendbar)
Bodenbewirtschaftung EU-GAP Cross-Compliance EU-GAP Cross-Compliance (gleich)
Gewässerqualitätsmonitoring LAWA-Rahmen WIOŚ-Rahmen
Artenbeobachtungsplattform iNaturalist / NABU iNaturalist / OTOP
Citizen-Science-Tradition Etabliert (NABU, senseBox) Wachsend (Otwarta Nauka)
Gemeinschaftskartierungstradition Begrenzt Wachsend (OpenStreetMap Polen sehr aktiv)

„Gleiche Landschaft, verwaltet von zwei Systemen. Wo könnten sie kooperieren? Wo schaffen die verschiedenen Systeme Lücken? Und wo füllt ein grenzüberschreitendes Citizen-Science-Netzwerk — wie das, das ihr heute aufbaut — diese Lücken?”

Citizen-Science-Ergebnis

Token-Ökonomie-Integration

Aktivität Token-Element
Das grenzüberschreitende Transekt gehen Kooperation
Übergänge in beiden Ländern dokumentieren Mutualismus
Während der Synthesession übersetzen Reziprozität
Zum grenzüberschreitenden Grenzvorschlag beitragen Kooperation + Mutualismus
Kontakt mit einer Partnerinstitution auf der anderen Seite aufbauen Reziprozität + Regeneration
Grenzüberschreitende Daten zu einer gemeinsamen Plattform beitragen Mutualismus + Regeneration

Hinweise für Anleitende

Logistik ist komplex. Grenzüberschreitende Transekte erfordern Pässe/Ausweise, lokale Genehmigungen und bilinguale Kommunikation. Mindestens einen Monat im Voraus planen. Ein polnisches Co-Anleitungs-Team oder eine Partnerorganisation ist unverzichtbar.

Das emotionale Gewicht der Grenze. Für ältere Teilnehmende auf beiden Seiten trägt die Oder-Neiße-Linie das Gewicht von 1945 — Vertreibung, Verlust, neue Anfänge, historisches Unrecht. Die Workshop-Rahmung „die Landschaft weiß nichts von der Grenze” soll diese Geschichte nicht verkleinern. Die Anleitenden erkennen an: „Die Grenze ist nicht bedeutungslos. Aber die Landschaft ist älter als die Grenze, und sie verbindet, was die Grenze teilt.”

Die Asymmetrie. Deutschland ist wohlhabender als Polen. Der Workshop wird auf der deutschen Seite veranstaltet. Dies schafft eine implizite Machtdynamik. Ihr aktiv entgegenwirken: Sicherstellen, dass polnische Teilnehmende mindestens eine Kartierungsphase leiten; polnische Ortsnamen neben deutschen verwenden; polnisches Essen neben deutschem servieren; nach Polen fahren statt polnische Teilnehmende zu erwarten, zu uns zu kommen.

Proxemische Gestaltungshinweise

Das grenzüberschreitende Transekt als proxemische Erholung. Von der deutschen Seite nach Polen zu gehen, erlebt die teilnehmende Person einen proxemischen Bruch. Weiterzugehen erzeugt eine allmähliche proxemische Erholung: Klänge, Gerüche und Texturen werden wieder erkennbar; die Landschaft behauptet ihre Intimdistanz-Vertrautheit trotz der kulturellen Fremdheit.

Das gemeinsame Mahl als proxemisches Zentrum des zweitägigen Programms. Essen von beiden Seiten, auf persönlicher bis intimer Distanz, alle Kanäle aktiv. Das Mahl soll zwischen Tag 1 (das Transekt, das proxemischen Bruch und Erholung erzeugte) und Tag 2 (die Synthese, die kollaborative Aushandlung erfordert) positioniert werden.

Die „Gleiche Landschaft, andere Systeme”-Tabelle als proxemische Kritik. Die Vergleichstabelle zeigt, dass dieselben ökologischen Merkmale auf jeder Seite von verschiedenen institutionellen Systemen verwaltet werden. Diese Systeme operieren auf administrativer Distanz — soziale/öffentliche Distanz, formalisiert, institutionell. Das Territorium, das sie verwalten, ist am vollständigsten bekannt auf der engsten proxemischen Distanz (Hände im Boden, Füße im Bach). Grenzüberschreitende Citizen Science überbrückt diese Lücke.



Leitfaden-übergreifende Referenz: Die Bioregion entsteht aus vielen Augen

Die fünf Leitfäden, durchgeführt über Jahreszeiten und Jahre, erzeugen einen kumulativen Bioregionsdefinitions-Datensatz, den kein einzelner Workshop erreichen könnte:

Die zusammengesetzte Karte — aufgebaut aus Dutzenden von Transekten, Hunderten von Übergangsbeobachtungen, mehreren Grenzvorschlägen, Erinnerungen Älterer, künstlerischen Interpretationen und grenzüberschreitenden Daten — ist kein fixes Dokument. Sie ist eine lebendige Kartografie, saisonal aktualisiert, produktiv umstritten und jährlich vertieft. Sie ist das räumliche Fundament der Mustersprache: das Territorium, innerhalb dessen jedes Muster Sinn ergibt.

Die proxemische Tiefe der zusammengesetzten Karte: Jede Zielgruppe trägt eine andere proxemische Schicht zur Bioregionsdefinition bei. Kinder beitragen das Sensorische-Abschluss-Muster — die Grenze, wo nichtvisuelle Kanäle verblassen. Erwachsene beitragen den Wendepunkt-Moment. Ältere beitragen das zeitliche proxemische Feld. Künstler·innen beitragen nichtvisuelle Grenzenkarten. Grenzüberschreitende Gruppen beitragen proxemischen Bruch und Erholung.


Ausrichtung am BNE-Qualitätsrahmen

Dieser Abschnitt enthält die kriterienweise Zuordnung der Bioregion-Kartierungs-Leitfäden (Anhang C) zum Brandenburger BNE-Qualitätskatalog. Die fünf Leitfäden werden als einheitlicher Programmstrang bewertet.

Bereich 1 — Ziele und Zielgruppen

Kriterium Wie die Leitfäden es adressieren Status
1.1.1 Lebenswelt- und Lebensphasenbezug Die Bioregion ist die Landschaft, die Teilnehmende bereits täglich bewohnen. Die Workshop-Struktur importiert kein fremdes Thema, sondern enthüllt die verborgene Struktur dessen, was Teilnehmende bereits kennen. Die Zielgruppenkalibrierung (Entdeckungsschleifen für Kinder; 5–8 km Transekte für Erwachsene; Erzählcafé für Ältere; wochenlange Residenz für Künstler·innen; grenzüberschreitendes Zweitages-Programm für DE/PL-Gruppen) respektiert die Mobilität, kognitive Entwicklungsstufe und zeitliche Beziehung jeder Gruppe zur Landschaft.
1.1.2 Umfeld-/Bedarfsanalyse Die Leitfäden adressieren eine dokumentierte Lücke: Brandenburg-Bewohner·innen navigieren täglich durch die Landschaft mittels administrativer Kategorien, während sie sich der ökologischen Kategorien, die das tatsächliche Verhalten der Landschaft bestimmen, nicht bewusst sind. Der grenzüberschreitende Kontext schafft einen spezifischen regionalen Bedarf: Bioregionalbewusstsein über eine internationale Grenze hinweg.
1.2.1 Zielgruppen konkret beschrieben Fünf Zielgruppen mit differenzierten Parametern in jeder Übersichtstabelle beschrieben.
1.2.2 Bedarf zielgruppenspezifisch beschrieben Jeder Leitfaden enthält im Abschnitt „Pädagogische Herausforderung” die spezifische epistemische Lücke der jeweiligen Zielgruppe.
1.2.3 Ziele konkret und zielgruppenspezifisch Jahr 1: Bioregionsentwurf aus 5 Zielgruppen, Längsdatensatz angelegt. Jahr 3: Konvergierende Grenzvorschläge; Ältere-Erinnerungskarte archiviert. Jahr 5: Gemeinschaftliche Bioregionsdefinition veröffentlicht.
1.2.4 Bedarf, Ziele und Zielgruppen kohärent Die Fünf-Leitfaden-Struktur spiegelt direkt die Fünf-Zielgruppen-Programmarchitektur. Jeder Leitfaden erzeugt unterschiedliche Datentypen, die zusammen eine vollständige, multiperspektivische Bioregionsdefinition ergeben.

Mindestanforderungen (1.1.1; alle 1.2.x): Alle erfüllt.

Bereich 2 — Inhalte und Ansatz

Kriterium Wie die Leitfäden es adressieren Status
2.1.1 Mehrdimensional Alle vier Nachhaltigkeitsdimensionen integriert (Übersicht im Abschnitt „Vier Nachhaltigkeitsdimensionen”). Jeder Leitfaden verbindet mindestens zwei Dimensionen explizit; Leitfaden 2 und 5 verbinden alle vier.
2.1.2 Fächerübergreifend Die Transekt-Methode erfordert strukturell fächerübergreifende Integration: Jeder Landschaftsübergang enthüllt gleichzeitig Geologie, Ökologie, Hydrologie, Kulturgeschichte und Proxemik.
2.1.3 SDG-relevant und aktuell Fünf SDGs mit aktivitätsspezifischer Evidenz adressiert. Grenzüberschreitende Dimension adressiert auch SDG 10.
2.2.1 Kontrovers Die Grenzdiskussion ist in allen fünf Leitfäden strukturell kontrovers. Keine Anleitenden-auferlegte Lösung. Konkurrierende Grenzvorschläge bleiben auf der Karte erhalten.
2.2.2 Global-lokal Die Bioregion ist die räumliche Einheit, in der globale Prozesse (Weichsel-Vereisung; EU-Umweltgovernance; Klimawandel-Phänologie) lokal lesbar werden.

Mindestanforderungen (2.1.1 zwei verknüpfte Dimensionen; 2.1.3 ein SDG; 2.2.1): Alle erfüllt, deutlich übertroffen.

Bereich 3 — Methoden

Kriterium Wie die Leitfäden es adressieren Status
3.1.1 Erlebnisorientiert Das Transekt-Gehen ist der erlebnisorientierte Kern.
3.1.2 Situiert Jeder Leitfaden ist spezifisch für den Müllrose/Schlaubetal-Bioregionskontext.
3.1.3 Aktivierend Teilnehmende produzieren ab dem ersten Moment Outputs: Expedition protokollieren, Punkte setzen, Faden legen.
3.1.4 Partizipativ Die Grenzdiskussion ist ein demokratischer, kollektiv eigenverantworteter Prozess.
3.1.5 Reflexiv Der Landschaftsbrief (Leitfaden 2); die Wendepunktfrage; die zeitliche Bioregionsdiskussion (Leitfaden 3).
3.1.6 Interaktiv Das Fadenlegen ist interaktiv und körperlich-kooperativ. Die GIS-Phase ist interaktiv.
3.1.7 Ganzheitlich (Kopf/Hände/Herz) Drei-Strom-Balance in jeder Übersichtstabelle dokumentiert, alle drei Ströme in jedem Leitfaden vorhanden.
3.1.8 Multimodal GPS-Aufzeichnung, analoge Handzeichnung, Tonaufnahme, Bodenprobennahme, Fotografie, GIS-Projektion. Social-Media-Dokumentation für Phase 2 geplant. ⚠️ teilweise

Mindestanforderungen (mindestens 2 von 8): Übertroffen — 7/8 vollständig erfüllt.

Kriterium Wie die Leitfäden es adressieren Status
3.2.1 Ziel-, zielgruppen- und inhaltsbezogen geeignet Die Transekt-zu-Synthese-Struktur ist passend für das Ziel, den Inhalt und jede Zielgruppe.
3.2.2 Praktisch erprobt Bioregionale Transekt-Methodik auf etablierten Praktiken basierend (Peter Berg, Kirkpatrick Sale; Ingold; PGIS-Literatur; Bortoft).
3.2.3 Theoretisch und empirisch begründet Alexanders Mustersprache; Halls Proxemik; Goethe’sche Wissenschaft; Transfer-21-Gestaltungskompetenz-Rahmen.
3.3.1 Vorbereitendes Material Dieses Dokument ist das vorbereitende Material. Expeditionsprotokoll, Transektdokumentationstabelle, Erinnerungskarten-Leerblatt, Vergleichstabelle — alle bereitgestellt.
3.3.2 Begleitende Unterstützung Die phasenweise Struktur und die Hinweise für Anleitende in jedem Leitfaden bieten eingebaute Unterstützung an jedem Phasenübergang.
3.3.3 Nachbereitung Citizen-Science-Outputs werden im Erdpuls-GIS-Projekt archiviert. Das Jährliche Synthese-Ritual (Mustersprachen-Zusammenführungsleitfaden) verarbeitet alle Anhang-C-Outputs am Jahresende.

Mindestanforderungen (3.2.1 und 3.2.2; 3.3.1 oder 3.3.3): Alle erfüllt.

Bereich 4 — Gestaltungskompetenz

Alle 12 Transfer-21-Teilkompetenzen werden in den fünf Leitfäden entwickelt. Die vollständige Zuordnung befindet sich in der Gestaltungskompetenzen-Tabelle im Abschnitt „Pädagogischer Rahmen und BNE-Orientierung” oben. Jede Übersichtstabelle der Leitfäden listet die primären Gestaltungskompetenzen für die jeweilige Zielgruppe auf.

Mindestanforderungen (mindestens eine Teilkompetenz aus einem Bereich): Übertroffen — alle 12 adressiert.

Bereich 5 — Qualitätsentwicklung

Kriterium Wie die Leitfäden es adressieren Status
5.1.1 Entwicklungsziel dokumentiert Der Längsdatensatz zur Bioregionsdefinition ist das Qualitätsentwicklungsziel: Jahr für Jahr wächst er vollständiger.
5.1.2 Umsetzungsplan mit Meilensteinen Jahr 1: Alle fünf Leitfäden einmalig durchgeführt. Jahr 2: Saisonale Wiederholungen. Jahr 3: Konvergierende Grenzvorschläge, erste externe Evaluation. Jahr 5: Veröffentlichte gemeinschaftliche Bioregionsdefinition.
5.2.1 Kontinuierliche Praxisreflexion Das Jährliche Synthese-Ritual (Januar) ist der primäre Mechanismus.
5.2.2 Systematische Selbstevaluation Anhang-D-Qualitätsdaten (Qualitätsstern, Qualitätskompass, Ältere-Qualitätskriterien) werden in die Jahressynthese integriert.
5.2.3 Wirkungsevaluation (nach 2 Jahren) Jahr 3: Längsvergleich der Grenzvorschläge; externe Evaluation ab Phase 3. ⏳ Jahr 3+
5.3.1 Aktive BNE-Vernetzung Outputs werden mit BNE-Netzwerk Brandenburg geteilt; Methodik bei Incubator-Village-Beeskow-Veranstaltungen präsentiert; grenzüberschreitende Daten mit polnischen Partnerinstitutionen geteilt.

Mindestanforderungen (5.2.1 und 5.2.4; 5.3.1): Erfüllt.

Bereiche 6 und 7 — Qualifikation der Anleitenden und Organisatorische Rahmenbedingungen

Bereiche 6 und 7 sind Programmebenen-Kriterien, keine Leitfaden-Kriterien. Die vollständige Zuordnung befindet sich im Mustersprachen-Zusammenführungsleitfaden v1.2 (Abschnitt „Ausrichtung am BNE-Qualitätsrahmen”). Zusammenfassung:


Lizenz und Impressum

© 2025–2026 Michel Garand | Erdpuls Müllrose — Center for Sustainability Literacy, Citizen Science & Reciprocal Economics Müllrose, Brandenburg, Deutschland

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Kontakt: erdpuls@ubec.network · https://erdpuls.ubec.network

Alle Dokumente und ihre Übersetzungen / All documents and their translations. Müllrose, Brandenburg — Februar 2026